Startseite » Marsch für Frieden » Neue Züricher Zeitung (NZZ): Dieser ist in Bagdad einer der wenigen Orte, an dem sie ihre Kinder sorgenfrei spielen lassen kann. «Sobald wir hier weggehen, beginnt die Angst.»Zehn Jahre schon leben die Hauptstädter mit der ständigen Angst vor Bombenanschlägen. «Die Amerikaner haben uns eine demokratische Hülle gebracht», sagt er. «Aber die alten Mentalitäten leben weiter.» Ob sunnitische oder schiitische Politiker – sie alle würden die Iraker als Schafherde betrachten, die dem Hirten blindlings folgt. «Jeder Politiker hat seine Herde, die er in die Richtung dirigiert, die seinen Interessen dient.» Somit werde nicht nur Konfessionalismus perpetuiert, sondern auch der autoritäre Charakter des ehemaligen Regimes erneuert. «Die Amerikaner haben uns die Freiheit gebracht, wir können heute sagen, was wir wollen», sagt Nejat Jalil. «Wir hatten so grosse Träume von einem guten Leben. Aber leider brachten sie uns nur den Konfessionalismus, ethnischen Zwist und Unsicherheit.» «Seit der Staatsgründung haben sämtliche Regime versucht, unserer mannigfaltigen Kultur und Gesellschaft politisch und kulturell eine nationale Monokultur aufzuzwingen», sagt Iskander. «Was uns verbindet, ist die Frühgeschichte, die Hochkulturen von Mesopotamien. Damit wir eine moderne nationale Identität entwickeln können, müssen wir akzeptieren, dass Araber, Kurden, Turkmenen, Schiiten, Sunniten und Christen unterschiedliche Geschichten und Kulturen haben.»

Neue Züricher Zeitung (NZZ): Dieser ist in Bagdad einer der wenigen Orte, an dem sie ihre Kinder sorgenfrei spielen lassen kann. «Sobald wir hier weggehen, beginnt die Angst.»Zehn Jahre schon leben die Hauptstädter mit der ständigen Angst vor Bombenanschlägen. «Die Amerikaner haben uns eine demokratische Hülle gebracht», sagt er. «Aber die alten Mentalitäten leben weiter.» Ob sunnitische oder schiitische Politiker – sie alle würden die Iraker als Schafherde betrachten, die dem Hirten blindlings folgt. «Jeder Politiker hat seine Herde, die er in die Richtung dirigiert, die seinen Interessen dient.» Somit werde nicht nur Konfessionalismus perpetuiert, sondern auch der autoritäre Charakter des ehemaligen Regimes erneuert. «Die Amerikaner haben uns die Freiheit gebracht, wir können heute sagen, was wir wollen», sagt Nejat Jalil. «Wir hatten so grosse Träume von einem guten Leben. Aber leider brachten sie uns nur den Konfessionalismus, ethnischen Zwist und Unsicherheit.» «Seit der Staatsgründung haben sämtliche Regime versucht, unserer mannigfaltigen Kultur und Gesellschaft politisch und kulturell eine nationale Monokultur aufzuzwingen», sagt Iskander. «Was uns verbindet, ist die Frühgeschichte, die Hochkulturen von Mesopotamien. Damit wir eine moderne nationale Identität entwickeln können, müssen wir akzeptieren, dass Araber, Kurden, Turkmenen, Schiiten, Sunniten und Christen unterschiedliche Geschichten und Kulturen haben.»

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Zerrissenes Zweistromland

Saddams schweres Erbe

International Heute, 07:00
Demontage einer Saddam-Statue durch amerikanische Soldaten im Zentrum Bagdads am 9. April 2003.

Demontage einer Saddam-Statue durch amerikanische Soldaten im Zentrum Bagdads am 9. April 2003. (Bild: Jerome Delay / ap)
Zehn Jahre nach dem Sturz von Saddam Hussein sind die Amerikaner aus dem irakischen Alltag verschwunden. Zurück bleibt eine Gesellschaft mit vielen offenen Fragen, mit vielen Ängsten und einer Regierung, die zur Aussöhnung nicht fähig ist.
Inga Rogg, Bagdad

Wenn sich die Dämmerung über Bagdad senkt und der Imam die Gläubigen zum Abendgebet ruft, beginnt die Abu-Hanifa-Moschee in einem Lichtermeer zu leuchten. Vom Minarett und vom Uhrturm ergiessen sich kranzförmige weisse Lichterketten über den Innenhof, am Eingangsportal, über den hohen Fensterbögen und den Ornamenten funkeln weisse, grüne und blaue Lampen. Kurz nach ihrem Einmarsch in Bagdad hatten amerikanische Soldaten den Uhrturm der wohl bedeutendsten sunnitischen Moschee im Irak mit einem Artilleriegeschoss schwer beschädigt. In seinem Schuhladen in einer staubigen Seitenstrasse hat Mubarak Ibrahim ein Bild davon aufgehängt. Für ihn symbolisiert diese Aufnahme all das, was er das grosse Desaster des Iraks nennt. Nichts ausser Unrecht und Unterdrückung hätten die Amerikaner für Sunniten wie ihn gebracht.

Eine göttliche Fügung

Einen Tag vor dem Sturz des Saddam-Regimes am 9. April 2003 hatte Ibrahim noch geglaubt, das Regime sei auf festen Fundamenten gebaut. Ein letztes Mal tauchte Saddam Hussein nahe der Moschee im Stadtteil Adhamiya auf und gab Durchhalteparolen aus. Ganz Adhamiya sei auf den Beinen gewesen und habe gejubelt, sagt er. Ibrahim war 21 Jahre alt und Soldat. Er hat auch dann noch gegen die Amerikaner gekämpft, als Saddam längst in seinem Erdloch nahe seinem Geburtsort verschwunden war. Nicht für den «grossen Führer eines törichten Volkes», wie er Saddam nennt, sondern für sein Land, sagt er.

Bildstrecke

Eine Statue des irakischen Präsidenten Saddam Hussein steht in der Mitte eines leeren Platzes in Bagdad. Ein Sandsturm fegt durch die Gegend. Die Sichtbarkeit ist stark reduziert; nicht nur durch den Sandsturm, sondern auch wegen der Verschmutzung durch brennendes Öl, das die Iraker als Verteidigung gegen die amerikanischen und britischen Kampfflugzeuge einsetzen. (25. März 2003)

Aus der Säule am zentralen Firdos-Platz, von der amerikanische Marinesoldaten damals die Saddam-Statue rissen, ragen heute ein paar verbogene Eisenstäbe. Ob am Flughafen, Bahnhof oder auf öffentlichen Plätzen – wo immer sich Saddam dem Volk in arabischer Tracht, mit Gewehr, mit Blumen oder im Gebet zeigte, ist sein Porträt den Bildern schiitischer Geistlicher gewichen. Mit den Bildnissen demonstrieren die religiösen schiitischen Parteien den radikalen Bruch mit der Vergangenheit, der auf jenen Apriltag vor zehn Jahren folgte. An den Wahlurnen, aber auch auf den Strassen in blutigen Auseinandersetzungen mit ihren sunnitischen Gegnern haben die Schiiten den Kampf um die Macht gewonnen. Bilder der vom Saddam-Regime ermordeten Geistlichen dienen den Parteien aber auch dazu, die Öffentlichkeit an die vielen schiitischen Opfer des Regimes zu erinnern. Es dauert heute nicht lange, bis ein schiitischer Gesprächspartner sagt: «Jahrhundertelang sahen sich die Sunniten als die natürlichen Herrscher des Iraks. Aber jetzt ist unsere Zeit gekommen. Nie wieder werden sie uns unterdrücken und verfolgen.» Schiitische Parteien haben den 9. April mittlerweile zu einem Tag göttlicher Fügung umgedeutet. Saddams Sturz ist in dieser Sicht die gerechte Strafe für die Hinrichtung von Mohammed Mohammed Bakir as-Sadr am gleichen Tag vor 23 Jahren. Sadr war einer der bedeutendsten Vordenker des politischen Islam unter den Schiiten und Wegbereiter der Dawa-Partei des heutigen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki. Maliki präsentiert sich der Öffentlichkeit inzwischen als der Mann, der den schiitischen Opfern des Regimes Gerechtigkeit und Saddam an den Galgen gebracht hat.

Die Religion werde heute zur puren Machtausübung missbraucht, sagt der Theaterregisseur Haithem Abdurrazak Ali. «Sie wissen, dass dies die einfachste Art ist, um das Volk zu kontrollieren.» Für den Theatermann liegt das Problem freilich viel tiefer. «Die Amerikaner haben uns eine demokratische Hülle gebracht», sagt er. «Aber die alten Mentalitäten leben weiter.» Ob sunnitische oder schiitische Politiker – sie alle würden die Iraker als Schafherde betrachten, die dem Hirten blindlings folgt. «Jeder Politiker hat seine Herde, die er in die Richtung dirigiert, die seinen Interessen dient.» Somit werde nicht nur Konfessionalismus perpetuiert, sondern auch der autoritäre Charakter des ehemaligen Regimes erneuert.

Breite Frustration

Zehn Jahre nach dem Regimewechsel und fünfzehn Monate nach dem Abzug der letzten amerikanischen Truppen sind viele Hauptstädter ob dem politischen Gezänk frustriert. «Die Amerikaner haben uns die Freiheit gebracht, wir können heute sagen, was wir wollen», sagt Nejat Jalil. «Wir hatten so grosse Träume von einem guten Leben. Aber leider brachten sie uns nur den Konfessionalismus, ethnischen Zwist und Unsicherheit.» Zusammen mit einer Freundin und ihren Töchtern sitzt Jalil auf einer Picknickdecke im Zawra-Park, dem grossen Vergnügungspark und Zoo nahe dem Regierungsviertel. Hinter den Frauen dreht sich ein Riesenrad, und auf einem Space-Gun kreischen Jugendliche. Vor ihnen plätschert ein Springbrunnen, von einem Restaurant weht der Geruch von grilliertem Fleisch herüber. Der Park sei einer der wenigen Orte, an dem sie ihre Kinder sorgenfrei spielen lassen könne, sagt Jalil. «Sobald wir hier weggehen, beginnt die Angst.»

Von den Amerikanern ist ausser ihrer riesigen Botschaft am Tigrisufer in der grünen Zone heute nichts mehr zu sehen. Wären da nicht die vielen irakischen Soldaten und Polizisten, könnte man meinen, es habe die neunjährige Präsenz des amerikanischen Militärs nie gegeben. Mit ihren Sonnenbrillen, Knieschonern und Nachtsichtgeräten auf ihren Helmen wirken viele wie Klone ihrer Ausbildner. Statt der Amerikaner fahren jetzt die Iraker in Humvees durch die Stadt. Sonst sind es vor allem die Sprengschutzmauern, mit denen sie der Hauptstadt ihren Stempel aufgedrückt haben. In den sunnitischen Quartieren versperren Barrikaden zahlreiche Transitachsen und selbst kleine Seitenstrassen.

Wohin soll es gehen?

Zehn Jahre nach dem Sturz Saddams ist noch immer nicht entschieden, in welche Richtung der Irak steuern wird. Mehr Zentralismus oder Föderalismus, Mehrheits- oder Einheitsregierung, mehr oder weniger Einfluss der Geistlichen, freie Marktwirtschaft oder staatlicher Dirigismus? Für den Historiker Saad Iskander spiegelt sich in diesen Fragen die tiefe Identitätskrise seines Landes. «Seit der Staatsgründung haben sämtliche Regime versucht, unserer mannigfaltigen Kultur und Gesellschaft politisch und kulturell eine nationale Monokultur aufzuzwingen», sagt Iskander. «Was uns verbindet, ist die Frühgeschichte, die Hochkulturen von Mesopotamien. Damit wir eine moderne nationale Identität entwickeln können, müssen wir akzeptieren, dass Araber, Kurden, Turkmenen, Schiiten, Sunniten und Christen unterschiedliche Geschichten und Kulturen haben.»

Maliki ist der erste gewählte Regierungschef, der die Chance gehabt hätte, den Irak dauerhafter zu stabilisieren. Noch vor einem Jahr war er zumindest unter den Arabern der populärste Politiker im Land. Stattdessen schlingert der Irak von einer Krise in die nächste. Systematisch hat Maliki in den sieben Jahren, vor allem aber seit dem Abzug der Amerikaner, fast sämtliche unabhängigen Institutionen unter seine Kontrolle gebracht. Wer sich beugt, wird mit Pfründen belohnt – auch Sunniten. Kritiker bedroht der Regierungschef indes mit angeblichen Geheimdossiers über ihre Verwicklung in den Terrorismus. Seit Ausbruch der sunnitischen Rebellion in Syrien hat sich Maliki noch mehr eingegraben. In seinem Kreis sieht man darin nur eine weitere Episode des grossen schiitisch-sunnitischen Konflikts. Verschwörungstheorien über Umsturzpläne der Sunniten im Verbund mit der Türkei und den Golfmonarchien machen die Runde.

Vermeintliche Normalität

Bunkermentalität macht sich auch unter den Sunniten breit. Sobald jemand seinen Schuhladen betritt, verstummt Ibrahim. Wie viele in Adhamiya hat der ehemalige Soldat Angst. Schon sieben Mal hätten die Sicherheitskräfte seinen Bruder festgenommen. Jeden Freitag, wenn die Sunniten demonstrieren, umstellen Armee und Polizei das Viertel grossräumig. «Wir sind Fremde in unserem eigenen Land», sagt Ibrahim.

Zehn Jahre schon leben die Hauptstädter mit der ständigen Angst vor Bombenanschlägen. Dabei haben sie feine Antennen entwickelt. Schon kurz nach einem Anschlag ist es, als wäre nichts gewesen. Zum ersten Mal seit zehn Jahren scheint Bagdad seinen alten Rhythmus gefunden zu haben. Laut hupend drehen an den Wochenenden Hochzeitskorsos ihre Runde. Bis weit auf den Bürgersteig drängen sich in der Nacht die Gäste vor der berühmten Gelateria al-Fakma. Im Ausgehviertel Karrada flanieren Jung und Alt die Einkaufsmeile auf und ab. Eine Abendvorstellung im Nationaltheater ist bis auf den letzten Platz besetzt. Viele sind freilich überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich Schiiten und Sunniten erneut bekriegen. Bis dahin wollen die meisten das Leben geniessen, so gut es eben geht.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/saddams-schweres-erbe-1.18058980


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