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350 Freiwillige im Solidaritätsnetz Zürich organisieren Deutschkurse für die Asylsuchenden aus aller Welt!

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Asylsuchende im Deutschkurs

Wissenshunger in der Wartezeit

Übersicht Samstag, 23. März, 06:00
Im Kirchgemeindehaus Aussersihl in Zürich treffen sich Asylsuchende mit ihresgleichen zum Deutschlernen.
Im Kirchgemeindehaus Aussersihl in Zürich treffen sich Asylsuchende mit ihresgleichen zum Deutschlernen.(Bild: Karin Hofer / NZZ)
Viele Asylsuchende nutzen ihre Wartezeit, um Deutsch zu lernen. Das Solidaritätsnetz Zürich bietet mit Freiwilligen eine informelle Möglichkeit dazu.
Christoph Wehrli

«Heute behandeln wir den Konjunktiv», erklärt Hanna ihrer Runde. Und sie fügt gleich hinzu, das Thema hätten Teilnehmer selber gewünscht. Wer seine Erfahrungen mit den Tücken der Möglichkeitsform hat, staunt. Das Dutzend Schüler, das um den grossen Tisch sitzt, ist ungewöhnlich – und ungewöhnlich wissenshungrig. Es sind Menschen aus Kamerun und Eritrea, Sri Lanka, Afghanistan und anderen Ländern, vor allem Asylsuchende, die schon Jahre auf ihren Entscheid warten.

Man steigt direkt mit Beispielen ein: «Wenn ich ein Fischer wäre, dann . . .» Fischer, nicht Fisch, wird verdeutlicht, und alle ergänzen den Satz auf ihrem Arbeitsblatt mit einem zweiten Teil. Wenn er ein Prinz wäre, dann wäre er ein Parlamentsprinz, sagt der Mann aus der Türkei dezidiert – offenbar ein überzeugter Demokrat. Beim «Zauberer» sind einige ratlos, auch «magician» hilft nicht weiter. Schnell greift Dennis aus Nigeria der Lehrerin an die Stirn, öffnet seine Hand, und darauf liegt eine Münze. Alle heiter, alles klar.

Erschwerte Bedingungen

Rundherum im grossen Saal des Kirchgemeindehauses Zürich Aussersihl sind weitere Gruppen am Lernen. Mit Stirnrunzeln wagen sich am Nebentisch Tibeter und Somalier an die Wochentage und üben sie in Kombination mit «gestern» und «morgen». Die meisten im Saal sind weniger weit fortgeschritten als die Konjunktiv-Klasse, zum Teil dauert die Wartezeit im Asylverfahren noch nicht derart lang. Akademiker und Analphabeten bilden die Extreme; der Letzteren nimmt sich ein Iraker, der sich hier neben seiner Erwerbstätigkeit engagiert, gesondert an.

In einem zweiten Raum stehen Tische und Stühle noch dichter, verlangt der Geräuschpegel besondere Konzentration. Einzelne Lehrerinnen und Lehrer fallen heute aus, so dass teilweise grössere Runden zu bilden sind. Ohnehin wechselt die Zusammensetzung einiger Gruppen von Woche zu Woche, was kontinuierliches Unterrichten und Lernen zusätzlich erschwert. Für manche der Teilnehmer, die auch aus Asylzentren weit ausserhalb der Stadt kommen, ist die Bezahlung der Fahrt ein Problem. Beiträge daran leistet das Solidaritätsnetz Zürich nur regelmässigen Besuchern der Autonomen Schule, die solche Kurse in einem intensiveren Rhythmus anbietet. Müttern wird indessen die Teilnahme durch eine Kinderbetreuung erleichtert.

Jeder und jede ist frei, zu kommen oder auch nicht. Kontrollen gibt es keine. Für Unterrichtende wie Teilnehmer gilt die Halbanonymität der Vornamen. Neben den Asylsuchenden im Verfahren seien anerkannte Flüchtlinge in der Minderheit, sagt Ruth Schucan, die seitens des Solidaritätsnetzes für die ganze Organisation verantwortlich ist; ganz wenige seien Sans-Papiers. Man toleriere auch Arbeitsuchende aus der EU, etwa spanische Bürger aus Lateinamerika, obwohl sie nicht zur Zielgruppe gehören.

Engagement auf allen Seiten

Der Andrang ist im Lauf von vier Jahren stetig gewachsen. Jeden Freitag besuchen etwa 120 Personen den Deutschunterricht, beim anschliessenden Mittagstisch, den die Kirchgemeinde finanziert, sind es 150 und mehr. Das Bedürfnis, einmal ausserhalb der Asylunterkunft Seinesgleichen zu treffen, ist offenbar stark.

Im ganzen wöchentlichen Projekt sind gegen 30 Freiwillige engagiert. Von den Unterrichtenden sind rund zwei Drittel Pensionierte (meist Lehrer) und ein Drittel Studierende. Die erwähnte Hanna, aufgestellt, wie es im Buche steht, hat einen Bachelor-Abschluss in Philosophie, erteilt beruflich Sprachunterricht und hilft nun schon zwei Jahre Asylsuchenden auf dem Weg ins Deutsche.

Auch die Teilnehmer haben, zum Beispiel in der Küche, ihren tätigen Beitrag zu leisten. Der Saal, in dem die Besucher allen Wänden nach zum Essen angestanden waren, ist um 13 Uhr schon vollständig aufgeräumt. Die Eigenaktivität zu erhalten oder zu wecken, sei das mittelbare Ziel des Angebots, sagt Ruth Schucan auf die leicht zweifelnde Frage, wie effizient ein Kurs unter den gegebenen Bedingungen sei. Das unfreiwillige Nichtstun, das während des Asylverfahrens die Regel ist, droht den Leuten den Elan zu nehmen, der für eine spätere Integration wie auch für eine selbständige Rückkehr ins Herkunftsland nötig ist. Einmal wieder etwas in Bewegung, unternehmen manche dann weitere Schritte, lernen auf eigene Faust, suchen eine Beratungsstelle auf oder beteiligen sich an kulturellen Aktivitäten. Ein Chor und eine Theatergruppe sind solche Resultate.

In einem separaten Raum diskutieren einige, was sie tun könnten, um das Image der Asylsuchenden zu verbessern. Die Moderatorinnen sondieren, ob eine politische Aktivität infrage käme. Nein, meint einer, er wolle sich nicht gegen die Schweiz wenden. Andere Migranten verliessen das Land, wenn sich die Wirtschaftslage verschlechtere, Flüchtlinge aber blieben. Der Mann ist Syrer und hat von «Politik» offenbar sein eigenes Bild. Seine Familie lebt in Aleppo, seine berufliche Perspektive als Arzt in der Schweiz ist höchst ungewiss. Sein verschmitzt-herzliches Lächeln verblüfft.

Solidaritätsnetz Zürich

Das Anbieten von Deutschkursen und Mittagstischen ist eine von mehreren Aktivitäten des Solidaritätsnetzes Zürich. Die Vereinigung, der laut Jahresbericht 2012 rund 350 Personen angehören, engagiert sich sowohl politisch wie auch mit konkreten Hilfeleistungen für Personen des Asylbereichs. Das Solidaritätsnetz wendet sich beispielsweise gegen die Gewährung blosser Nothilfe an weggewiesene Asylsuchende. Freiwillige machen unter anderem Besuche in Notunterkünften und im Ausschaffungsgefängnis. Ein Mittagstisch und Deutschunterricht werden (mit Freiwilligen der Sprachschule Ararat) auch in der Pfarrei St. Felix und Regula (Hardquartier) durchgeführt, Sprachkurse werden noch in weiteren kirchlichen Zentren organisiert. Hinzu kommt ein Theaterprojekt.

http://www.nzz.ch/aktuell/zuerich/stadt_region/wissenshunger-in-der-wartezeit-1.18052078


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