Startseite » Demokratisierungsmarsch » «Wir bleiben nicht still, während Israel unser Land nimmt» «Solange die Besetzung anhält, gibt es Widerstand.» Friedliche, kreative Proteste sind Teil einer neuen Strategie palästinensischer Aktivisten, die einen vorläufigen Höhepunkt mit dem Zeltlager Bab ash-Shams erlebte. Im Januar hatten sie im Gebiet E1 im Osten Jerusalems ähnlich den Aussenposten der Siedler ein Lager errichtet. Im Gegensatz zu den nach israelischem Recht illegalen jüdischen Aussenposten, welche die Armee oft jahrelang nicht räumt, hat sie das palästinensische Lager innert Tagen aufgelöst.Der palästinensische Arzt und Parlamentarier Mustafa Barghouti sieht den gewaltlosen Widerstand im Aufschwung. Er beruft sich auf Ghandi. Von der israelischen Politik und vom Besuch Obamas verspricht er sich nichts. Die heutigen Regimes in Ramallah und Gaza seien zwei Seiten derselben Medaille, nämlich des arabischen Nepotismus und Klientelismus. Das Ziel sei Freiheit und gleiche Rechte für alle, schliesst Barghouti. Ob das im Rahmen von zwei oder einem Staat geschehe, liege bei den Israeli zu entscheiden. Bilder aus dem Westjordanland

«Wir bleiben nicht still, während Israel unser Land nimmt» «Solange die Besetzung anhält, gibt es Widerstand.» Friedliche, kreative Proteste sind Teil einer neuen Strategie palästinensischer Aktivisten, die einen vorläufigen Höhepunkt mit dem Zeltlager Bab ash-Shams erlebte. Im Januar hatten sie im Gebiet E1 im Osten Jerusalems ähnlich den Aussenposten der Siedler ein Lager errichtet. Im Gegensatz zu den nach israelischem Recht illegalen jüdischen Aussenposten, welche die Armee oft jahrelang nicht räumt, hat sie das palästinensische Lager innert Tagen aufgelöst.Der palästinensische Arzt und Parlamentarier Mustafa Barghouti sieht den gewaltlosen Widerstand im Aufschwung. Er beruft sich auf Ghandi. Von der israelischen Politik und vom Besuch Obamas verspricht er sich nichts. Die heutigen Regimes in Ramallah und Gaza seien zwei Seiten derselben Medaille, nämlich des arabischen Nepotismus und Klientelismus. Das Ziel sei Freiheit und gleiche Rechte für alle, schliesst Barghouti. Ob das im Rahmen von zwei oder einem Staat geschehe, liege bei den Israeli zu entscheiden. Bilder aus dem Westjordanland

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Zwei israelische Polizisten in Zivil führen einen palästinensischen Buben ab, den sie verdächtigen, Steine geworfen zu haben (Jerusalem, 12. März 2010).

Palästinensische Aktivisten suchen nach neuen Formen des friedlichen Protestes. Daneben finden jeden Freitag lokale Demonstrationen statt, bei denen es oft zu Zusammenstössen mit der Armee kommt. Die tödlichen Vorfälle häufen sich.
Monika Bolliger, Ramallah

Es ist kein einfaches Unterfangen, zur Demonstration zu gelangen. Die Organisatoren wollen den genauen Ablauf möglichst lange geheim halten, um es der israelischen Armee zu erschweren, den Protest zu behindern. Irgendwo in der Nähe von Ramallah entlang der Sperrmauer wollen sich die Aktivisten zusammen mit einem Bräutigam versammeln und versuchen, auf die andere Seite zu gelangen, damit er seine Braut in Empfang nehmen kann. Der Bräutigam ist Palästinenser aus Cisjordanien, die Braut Palästinenserin mit israelischem Bürgerrecht. Mit der symbolischen Hochzeitsfeier wollen sie dagegen demonstrieren, dass Israel seinen Bürgern den Familiennachzug verweigert, wenn der Ehepartner aus Gaza oder Cisjordanien ist. Sie nennen den Anlass «Liebe unter Apartheid».

Eine geplatzte Hochzeitsfeier

Schliesslich werden wir nach Hizma gelotst, das Dorf neben einem der beiden Checkpoints zwischen Jerusalem und Ramallah. Die «Hochzeitsgesellschaft» marschiert singend und trommelnd Richtung Mauer. Viele schaffen es jedoch nicht rechtzeitig – die Armee hielt Busse mit Aktivisten zurück, welche auf dem Weg zum Protest waren. Die Armee steht bereit und treibt die Demonstranten zurück. Als die Soldaten Tränengaspetarden in das unterhalb gelegene Hizma werfen, brechen die Aktivisten den Protest ab, um die Kinder im Dorf nicht zu gefährden. Das «Brautpaar» findet nicht zusammen.

Friedliche, kreative Proteste sind Teil einer neuen Strategie palästinensischer Aktivisten, die einen vorläufigen Höhepunkt mit dem Zeltlager Bab ash-Shams erlebte. Im Januar hatten sie im Gebiet E1 im Osten Jerusalems ähnlich den Aussenposten der Siedler ein Lager errichtet. Im Gegensatz zu den nach israelischem Recht illegalen jüdischen Aussenposten, welche die Armee oft jahrelang nicht räumt, hat sie das palästinensische Lager innert Tagen aufgelöst. Israel hatte davor erklärt, den Siedlungsbau in E1 vorantreiben zu wollen, was Ostjerusalem von Cisjordanien abtrennen würde. «Wir bleiben nicht still, während Israel unser Land nimmt», erklärten die Aktivisten.

Weitere Aktionen palästinensischer «Aussenposten» folgten. In Burin eskalierte die Gewalt. Die nebenan lebenden jüdischen Siedler bewarfen die Palästinenser mit Steinen, nachdem sie ein Zeltlager auf einer Anhöhe neben dem Dorf errichtet hatten. Die Armee räumte das Lager innert Stunden und setzte ausgiebig Tränengas und Pfefferspray ein. Palästinensische Jugendliche bewarfen die Soldaten mit Steinen. «Wir sind gescheitert, die Jugend davon abzuhalten», sagte der Aktivist Mahmoud Zawahra nach der Räumung des Lagers erschöpft. Das Bild des steinewerfenden Palästinensers gegen einen israelischen Panzer ist seit der ersten Intifada eine Ikone. Wer Steine wirft, gilt unter vielen Teenagern als Held.

Viele palästinensische Aktivisten meinen zu diesem Thema, sie wollten sich nicht vom Westen diktieren lassen, wie sie sich gegen die Besetzung wehrten. Für die Jugendlichen sei das Steinewerfen eine Form, ihren Zorn abzureagieren. Zugleich provozieren aber die Steine auch eine aggressivere Reaktion der Armee. Ein führender Offizier sagt im Gespräch, dass die Armee soweit möglich Zurückhaltung übe und Vorfälle von Fehlverhalten untersuche. Die Diskussion scheint aber etwas müssig; solange die Palästinenser sich nicht der Besetzung unterwerfen, wird es naturgemäss zu Zusammenstössen mit der Besatzungsmacht kommen.

«Wir haben als Volk unter Besetzung das Recht auf Widerstand, auch mit Gewalt», sagt Arish, eine 28-jährige Aktivistin. Sie sagt, egal ob friedlich oder mit Gewalt, die Reaktion der Armee sei immer aggressiv. Sie habe die Hoffnung auf einen Dialog mit den Israeli aufgegeben, nachdem sie auf einer friedlichen Demonstration verprügelt worden sei. Trotz Presseausweis habe man sie verhaftet. Auf ihrem Bein hat sie eine Narbe vom Stiefel eines Soldaten, und soeben musste sie sich einer Operation am Nacken unterziehen. Ein Soldat habe sie auf einem Protest gewürgt, und ein Gummigeschoss habe sie verletzt.

Die israelische Menschenrechtsorganisation Betselem hat in einem Bericht die Armee für den Einsatz sogenannter nichttödlicher Waffen auf Protesten kritisiert, da diese auch Todesopfer fordern. Die Armee konterte, der Bericht sei nicht repräsentativ. Es kam jedenfalls schon zu Toten, weil die Soldaten Tränengaspetarden direkt auf Demonstranten schossen. Auch die sogenannten Gummigeschosse, bei denen es sich um Metallkugeln mit Gummimantel handelt, können tödlich sein. Seit Anfang Jahr kamen bei Protesten in Cisjordanien fünf Palästinenser ums Leben.

Ein Märtyrer

Eines der Todesopfer war Mohammed Asfour, dessen Beerdigung vor einer Woche in Abud stattfand. Er wurde von einer Kugel im Gummimantel am Kopf getroffen. Wir treffen sein Schwester zusammen mit trauernden Frauen im Innenhof ihres Hauses. Sie trägt ein schwarzes Kopftuch und hat sich das grüne Band der Hamas um die Stirn gebunden. Ihr Bruder sei ein Märtyrer, Gott habe ihn auserwählt, sagt sie ohne Freude. Der Ehemann der 19-jährigen Sundus sitzt in Administrativhaft, das heisst in Haft ohne Gerichtsverhandlung. Ihr Bruder wurde bei einer Demonstration für die palästinensischen Gefangenen getötet, von denen sich einige immer noch im Hungerstreik befinden. Nachdem ihr Mann mitten in der Nacht in ihrem Haus verhaftet worden sei, habe sie eine Fehlgeburt erlitten. «Die Juden wollen keinen Frieden», wirft ihre Cousine ein. «Unsere Söhne, Brüder, Nachbarn sitzen in Haft. Sie behandeln uns nicht wie Menschen.»

Etwas versöhnlicher klingt es in Nabi Saleh, einer Hochburg der Proteste. Sie habe die Israeli früher gehasst, sagt Manal Tamimi. Drei nahe Verwandte sind im Konflikt umgekommen. Doch seit israelische Aktivisten aus Solidarität an den Protesten teilnähmen, sehe sie die Dinge anders. «Mit Siedlern oder Soldaten will ich aber nichts zu tun haben», ergänzt sie. Nabi Saleh ist für die aktive Rolle der Frauen in den Protesten berühmt. Die Bewohner versuchen seit 2009 jeden Freitag, zu ihrer Quelle zu gelangen, welche die Siedler besetzt haben. Geschafft haben sie es noch nie. Jedes Mal werden sie von der Armee gestoppt. Auch diesmal geht es nicht lange, bis Tränengas und Skunk, eine nach Jauche riechende Brühe, auf den Demonstrationszug niederregnen. Ein paar Jugendliche beginnen, mit Steinen auf die Soldaten zu werfen. Ein Schauspiel, das sich wöchentlich wiederholt. Seit 2011 kamen dabei zwei Palästinenser ums Leben.

Keine Aussicht auf Ruhe

Die Bilder von Protesten aus der Perspektive eines Palästinensers gehen derzeit mit dem Oscar-nominierten Film «Five broken cameras» um die Welt. Imad Burnat aus Bilin erzählt zusammen mit dem israelischen Regisseur Guy Davidi in eindrücklichen Bildern von weitgehend friedlichen, beharrlichen und doch nahezu aussichtslosen Protesten gegen die Konfiszierung des Landes von Bilin und gegen die Sperranlage. Fünf Kameras gingen auf den Protesten kaputt, meist bei Zusammenstössen mit der Armee, welche die Demonstrationen aufzulösen versuchte.

So aussichtslos die Sache scheint, so entschlossen sind die Demonstranten. Ob, wann und in welcher Form die Protestbewegung an Breite gewinnt, ist schwer abzuschätzen. Welcher Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt, lässt sich nicht vorhersagen. Die tödlichen Vorfälle häufen sich seit den letzten Wochen. Mit Ruhe ist in Cisjordanien in nächster Zeit kaum zu rechnen. «Volksproteste sind unsere einzige Hoffnung», sagt Arish. Sie kämpften nicht nur gegen die israelische Besetzung, sondern auch gegen Fatah und Hamas, welche ihre eigenen Interessen verfolgten. Faradj, ein Familienvater aus Nabi Saleh, sagt schlicht: «Solange die Besetzung anhält, leisten wir Widerstand.»

 

Bilder aus dem Westjordanland (2010–2013)

International Heute

Lazar Simeonov arbeitet seit mehreren Jahren als freischaffender Fotograf im Westjordanland und dokumentiert mit seiner Kamera den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis. Simeonov ist in Skopje, Mazedonien, geboren und lebte längere Zeit in der Schweiz.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/solange-die-besetzung-anhaelt-gibt-es-widerstand-1.18047702#gallery:1-18047679

Mustafa Barghouti im Gespräch

Ein Verfechter des gewaltlosen Widerstandes

Monika Bolliger, Ramallah

«Als wir mit unseren ersten gewaltlosen Protestaktionen begannen, wurden wir belächelt», erinnert sich Mustafa Barghouti. Der unabhängige palästinensische Abgeordnete verweist auf ein Zitat Gandhis: «Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, und dann gewinnst du.» Im Jahr 2002 hatte er die Palästinensische Nationale Initiative mitbegründet, welche als Alternative zur etablierten Palästinensischen Befreiungsorganisation und zu islamistischen Gruppen wie der Hamas auf die Bildung einer gewaltlosen Volksbewegung setzt. Bei den Präsidentschaftswahlen 2005 landete Barghouti nach Abbas mit 20 Prozent der Stimmen auf dem zweiten Platz. 2010 wurde er für sein Engagement für Gewaltlosigkeit für den Friedensnobelpreis nominiert.

Barghouti erklärt, gewaltlose Proteste hätten vor etwa zehn Jahren lokal begonnen. In verschiedenen Dörfern demonstrierten Bewohner gegen die israelische Sperranlage, welche Bauern von ihrem Ackerland trennte und die Bewegungsfreiheit der Betroffenen massiv einschränkte. Seit 2011 entstehe aus den lokalen Initiativen eine nationale Bewegung, die von jungen Leuten getragen werde, sagt Barghouti. Ein Höhepunkt war für ihn das Zeltlager Bab ash-Shams. Dass sich keine Massen ansammelten, begründet er mit den Restriktionen des israelischen Militärregimes. Die Armee habe Tausende Teilnehmer auf dem Weg abgefangen. «Es gibt 630 Checkpoints in Cisjordanien, und die Armee kann in drei bis fünf Minuten überall sein», führt er aus.

Den israelischen Vorwurf, dass die palästinensischen Proteste nie wirklich gewaltlos seien, sondern immer mit Steinewerfen endeten, hält Barghouti für übertrieben. «Die Griechen werfen Molotowcocktails, aber das interessiert niemanden», meint er. Wenn nur ein Palästinenser einen Stein werfe, bezeichneten die Medien den ganzen Protest als gewalttätig. Die Palästinenser dürften nicht einfach Menschen sein, es werde Übernatürliches erwartet. «Aber wir versuchen, den Leuten zu erklären, dass es besser ist, vollkommen gewaltlos zu protestieren», ergänzt er. Langsam wandle sich das Bewusstsein unter den Palästinensern, wie Umfragen zeigten.

Auch wenn sich die internationale Wahrnehmung ändere, sei das israelische Narrativ immer noch dominant: Israel wolle Frieden, doch die Palästinenser nicht, da sie Terroristen seien. Israel befinde sich im Kampf eines David gegen Goliath – ein kleines Land, umgeben von Feinden. Doch damit, so Barghouti, ignorierten die Israeli, dass sie in jedem Krieg militärisch überlegen waren. Mit den Demonstrationen zeigten die Palästinenser, dass Israel der wahre Goliath sei. Barghouti setzt auf eine internationale Kampagne nach dem südafrikanischen Beispiel. Er nennt das israelische Militärregime in Cisjordanien, wo zwei verschiedene Rechtssysteme für Israeli und Palästinenser gelten, Apartheid. Von dieser müssten Palästinenser wie Israeli befreit werden. «Die Botschaft muss klar sein: Es geht nicht gegen die israelische Bevölkerung, sondern gegen die falsche israelische Politik.» Dass manche Palästinenser extremere Positionen vertreten und sich weigern, mit Israeli zu verkehren, hält er für ein Zeichen von Schwäche.

In die neue israelische Regierung setzt Barghouti ebenso wenig Hoffnung wie in den Besuch des amerikanischen Präsidenten Obama. Obamas Besuch sei innenpolitischer Natur, und die Palästinafrage spiele für die neue Regierung kaum eine Rolle. Die Friedensverhandlungen seien längst gescheitert. Israel wolle keinen palästinensischen Staat, glaubt Barghouti, der 1991 bei den Friedensverhandlungen in Madrid teilnahm. Der gescheiterte Friedensprozess, die fortschreitende Landnahme und die hohe Jugendarbeitslosigkeit seien die Ursachen der Proteste – und könnten eine Explosion bewirken.

Er kritisiert auch die palästinensische Führung: Die Unterzeichnung der Oslo-Abkommen ohne zumindest einen Siedlungsstopp zu verlangen, sei ein strategischer Fehler gewesen. Die Militarisierung der zweiten Intifada habe viel Schaden angerichtet, ebenso die Spaltung der palästinensischen Führung. Letzteres gehe auf internationalen Druck sowie auf die alte Tradition einer Einparteienherrschaft zurück. Die heutigen Regimes in Ramallah und Gaza seien zwei Seiten derselben Medaille, nämlich des arabischen Nepotismus und Klientelismus. Das Ziel sei Freiheit und gleiche Rechte für alle, schliesst Barghouti. Ob das im Rahmen von zwei oder einem Staat geschehe, liege bei den Israeli zu entscheiden.http://www.nzz.ch/aktuell/international/ein-verfechter-des-gewaltlosen-widerstandes-1.18047703

 


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