Startseite » Marsch für die soziale Ausrichtung der Wirtschaft » Das traurige Leben der Menschen in Griechenland! Egal, mit wem man spricht, die Menschen sind frustriert, verunsichert, erschöpft. Verspottet und verraten fühlen sie sich von ihrer Regierung und der EU. Sie glauben nicht mehr daran, dass die Politiker die Situation zum Guten wenden werden, weder ihre eigenen noch die der EU. Sie haben das Gefühl, die Troika treibe sie immer tiefer in die Rezession, anstatt sie daraus zu befreien. Das Vertrauen ist aufgebraucht. Situation in Griechenland: Land unter Die Rettung Griechenlands ist zum Experiment darüber geworden, was eine Gesellschaft alles aushalten kann, bevor sie zerbricht. Die Ergebnisse bisher: In der Stadt regt sich Solidarität, auf dem Land zeigt sich Egoismus.

Das traurige Leben der Menschen in Griechenland! Egal, mit wem man spricht, die Menschen sind frustriert, verunsichert, erschöpft. Verspottet und verraten fühlen sie sich von ihrer Regierung und der EU. Sie glauben nicht mehr daran, dass die Politiker die Situation zum Guten wenden werden, weder ihre eigenen noch die der EU. Sie haben das Gefühl, die Troika treibe sie immer tiefer in die Rezession, anstatt sie daraus zu befreien. Das Vertrauen ist aufgebraucht. Situation in Griechenland: Land unter Die Rettung Griechenlands ist zum Experiment darüber geworden, was eine Gesellschaft alles aushalten kann, bevor sie zerbricht. Die Ergebnisse bisher: In der Stadt regt sich Solidarität, auf dem Land zeigt sich Egoismus.

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© AFPDoppelte Demonstration: Griechische Bauern verteilen kostenlos Obst und Gemüse, um gegen gestiegene Kosten zu protestieren

Er trägt Lederschuhe, Jeans und eine Wildlederjacke über dem weißen Hemd. Das graue Haar ist akkurat frisiert. Er könnte auf dem Weg ins Büro sein, zurück von einem Termin, aber das ist er nicht. Er ist jemand, der sich über eine kostenlose warme Mahlzeit freut. Er steht wie festgewurzelt auf einem der zahlreichen Athener Plätze. Eine Gruppe Arbeitsloser verteilt Bohnenmus mit Reis. Der Kessel, aus dem sie das Essen schöpfen, ist beinahe leer. Es dauert eine Weile, bis sich der Mann in der Wildlederjacke nähert, den Kopf gesenkt, die Schritte eilig. Er nimmt eine Schale und verschwindet so rasch, wie er gekommen war.

Georg hat die Zeit der Scham bereits hinter sich gebracht. Scham ist in Krisenzeiten kein nützlicher Ratgeber. Er steht neben dem Kessel mit dem Bohnenmus und sagt: „Wir verarmen und Europa schaut einfach zu.“ Es sei ja nicht so, dass es keine reichen Griechen mehr gebe, „aber die haben ihre Konten in der Schweiz“.

Georg ist 52 Jahre alt, ein großer, gepflegter Mann, der aussieht, als könne ihn nichts so leicht aus der Bahn werfen. Er hat Wirtschaft studiert, bis 2009 war er in der Werbebranche beschäftigt, jetzt ist er arbeitslos. Fast alle seine Bekannten sind arbeitslos. Jeden Tag verteilt Georg gemeinsam mit einigen Leuten Essen. Die Leute sind meist dieselben, nur die Orte in Athen wechseln. „Wir haben uns während der Demonstrationen auf dem Syntagma- Platz kennengelernt“, sagt Georg. „Da hatten wir noch die Kraft zu demonstrieren“. Er lacht, ein kurzes, zynisches Lachen.

Keine wütenden Demonstranten

Tatsächlich ist es ruhig geworden auf dem Syntagma-Platz. Bis auf die Tauben ist er in diesen Wintertagen wie leergefegt. Nirgendwo wütende Demonstranten, höchstens eine Handvoll Touristen, die das Parlament fotografieren. Überhaupt kommt einem die Millionenmetropole merkwürdig ruhig vor, bis man kapiert, woran es liegt: Es herrscht kaum Verkehr. Keine Staus, kein Hupen, kein Smog. Keine schimpfenden Fußgänger. Viele haben ihr Auto abgemeldet, wegen der absurd hohen Steuern und der Benzinkosten. Noch nie, sagen die Menschen, sei die Luft in Athen so sauber gewesen.

Man könnte meinen, dass der Euro-Rettungsschirm, der auch über Griechenland aufgespannt worden ist, dazu führt, dass es den Menschen bessergeht. Wenigstens etwas. In Wahrheit geht es ihnen immer schlechter. Von den Hilfspaketen in Höhe von bislang 183 Milliarden Euro hat Georg nur in den Nachrichten gehört. In seinem Alltag spürt er davon nichts, als flössen die Gelder in ein anderes Land. Das tun sie ja auch, nur dass dieses Land von Banken bevölkert wird, nicht von Menschen.

„Unser politisches System ist von Korruption und Klientelwirtschaft zerfressen“, sagt er. Wie grotesk aufgebläht beispielsweise der Staatsapparat ist, erkenne man daran, dass jetzt 25.000 Bedienstete entlassen werden sollen. Und die Europäische Union? „Die EU spielt mit uns. Sie testet, wie viele Reformen sie uns zumuten kann, bevor das Land zusammenbricht“, sagt Georg. Die umstehenden Männer und Frauen nicken. Griechenland als Experimentierfeld, ein Spielball der EU. So sehen sie es hier.

Überall das Wort „Sale“

Wohin so ein Experiment im Extremfall führt, lässt sich auf dem Omonia-Platz besichtigen. Der Platz der Einheit war einmal ein funktionierender Ort, der die Menschen anzog. Sie saßen in Cafés, kauften ein, die Hotels waren gut gebucht. Die Geschäfte und das Leben blühten. Inzwischen sind die meisten Läden in dem heruntergekommenen Viertel verriegelt. Lauter leerstehende Flächen hinter Eisenrollos.

Überall prangt das Wort „Sale“, als würde das etwas nützen. Die Gegend ist jetzt in der Hand von Kleinkriminellen, Drogendealern, illegalen Einwanderern und Prostituierten. Die Polizei schaut häufig weg, sie hat ihre eigenen Sorgen. Neulich zum Beispiel demonstrierten die Polizisten, weil sie plötzlich das Benzin für ihre Streifenwagen selbst bezahlen sollten.

Nur ein paar Zahlen: Seit Beginn der Krise 2008 ist die griechische Wirtschaft um mehr als dreiundzwanzig Prozent geschrumpft. Mittlerweile liegt die Arbeitslosigkeit bei knapp dreißig, bei den unter Vierundzwanzigjährigen sogar bei 62 Prozent. Wer die Chance hat, ins Ausland zu gehen, geht, und in der Regel sind das die gut Ausgebildeten.

20 Prozent unterhalb der Armutsgrenze

Löhne und Renten wurden teilweise um die Hälfte gekürzt. Der Mindestlohn beträgt 586 Euro, ein Lehrer verdient etwa 650 Euro, ein Busfahrer 750. Bringt eine unversicherte Bürgerin ein Kind zur Welt, kostet sie das 1.000 Euro, ist ein Kaiserschnitt nötig, sind es schon 1.500, ein Fahrschein kostet 1,40 Euro. Zwanzig Prozent der Menschen leben bereits unterhalb der Armutsgrenze. Die griechische Mittelschicht trifft es besonders hart. Es ist ein kollektives Abrutschen und ein Ende ist nicht absehbar.

Griechenland muss trotzdem weiter sparen, so hat es die Troika verordnet, die die Regierung wie eine Marionette lenkt. Allein in diesem Jahr sollen die Bahn privatisiert werden, die staatlichen Gas- und Wasserversorger, Flughäfen, Häfen, einige Inseln, die Post. Bis 2015 will die Regierung so etliche Milliarden einnehmen. „Der Staat verscherbelt unser Land zum Schnäppchenpreis“, sagt Georg.

Auch die ehemalige amerikanische Luftwaffenbasis im Athener Vorort Elliniko, ein riesiges Gelände in bester Küstenlage, ist in Gefahr, bald an irgendeinen internationalen Konzern verscherbelt zu werden. Nur liegt das Gelände nicht brach. Im Dezember 2011 haben Ärzte hier ein Gesundheitszentrum eröffnet, in dem Menschen ohne Krankenversicherung kostenlos behandelt werden. Eigentlich war es als provisorische Einrichtung gedacht, als Hilfe in der Not, bis der Staat seiner Aufgabe wieder gerecht wird und die Lücke in der Gesundheitsversorgung schließt.

Situation spitzt sich zu

Giannis Marangos, 53 Jahre alt, Zahnarzt und einer der Gründer, dachte, das könne lediglich eine Frage der Zeit sein. Er irrte sich. Das Provisorium ist zur Dauereinrichtung geworden. Die Situation spitzt sich zu. „Den Politikern ist egal, was hier passiert. Sie sehen nicht das Leid der Menschen, sie hören nicht, wie sie schreien, aber wir hören es jeden Tag“, sagt Marangos. „Dass Krebskranke ohne Versicherung keine Therapie und keine Medikamente bekommen, ist ein Verbrechen. Der Staat lässt sie einfach sterben.“

Schätzungen zufolge können sich vierzig Prozent der Menschen in Griechenland keine Krankenversicherung mehr leisten. Bezogen auf Athen, sind das etwa zwei Millionen Menschen. Zwei Millionen Nichtversicherte. Das bedeutet dass immer mehr Kranke in Zentren wie das in Elliniko strömen, etwa 750 sind es dort jeden Monat. Sechzig bis siebzig Ärzte teilen sich die ehrenamtliche Arbeit, darunter Kardiologen, Gynäkologen, Orthopäden, Psychiater, Kinderärzte.

Giannis Marangos hat eine eigene Zahnarztpraxis. Bevor er seine Arbeit beginnt und nachdem er sie beendet hat, hilft er im Gesundheitszentrum. Manchmal ist er erst abends um elf Uhr zu Hause bei seiner Frau. Seit das Bekleidungsgeschäft, in dem sie als Verkäuferin angestellt gewesen war, pleitegegangen ist, ist sie arbeitslos. Giannis Marangos sitzt an einem weißen Tisch, wie er häufig in Küchen steht. Alle Einrichtungsgegenstände sind Spenden, der Zahnarztstuhl genauso wie die Babywaage. An der Wand hängt ein gemaltes Bild mit einem strahlend weißen Haus, um das sich rosafarbene Blumen ranken. Der Himmel ist blau. Griechenland wie aus dem Reisekatalog.

Bürger retten sich selbst

„Wir können den Staat nicht auf Dauer ersetzen“, sagt Giannis Marangos. Er spricht leise, unter seinen Augen haben sich dunkle Schatten breitgemacht. Neben ihm stehen mit Medikamenten gefüllte Müllsäcke. „Die sind nicht von den Pharmakonzernen, sondern von einfachen Leuten.“ Viele haben die Aufrufe des Zentrums im Fernsehen bei Skai gesehen. „Wir freuen uns über alles, Insulin, Impfstoffe, Schmerzmittel, Milch für Säuglinge. Was wir dringend brauchen, sind Krebsmedikamente.“

Aber es bringen auch viele Eltern ihre Säuglinge her. In den Regalen reiht sich Babynahrung. „Die Babys sind oft unterernährt“, sagt Giannis Marangos. Den Eltern fehlt das Geld, weshalb sie weniger füttern. Sie denken, dass es vielleicht nicht so schlimm ist, auf ein, zwei Portionen zu verzichten, aber es ist schlimm. Die Babys entwickeln sich nicht und werden krank.

Giannis Marangos fürchtet, dass der Staat aus Hilfsaktionen wie diesen die falschen Schlüsse zieht. Zum Beispiel, dass er das Gesundheitssystem bedenkenlos weiter ausbluten lassen kann, weil sich die Bürger schon selbst retten. Genau darauf läuft es im Moment hinaus. Giannis Marangos und seine Kollegen haben im Laufe der Zeit ein richtiges Klinik-Netzwerk aus privaten und öffentlichen Krankenhäusern geknüpft, die jene Behandlungen übernehmen, die das Zentrum nicht leisten kann, Operationen, Entbindungen, Radiographien.

Parallelwelt ohne Staat

Auf diese Weise ist eine Art ehrenamtliches Gesundheitssystem entstanden. Eine Parallelwelt, in der der Staat keine Rolle spielt. Aber der Druck kann nicht beliebig erhöht werden, weil irgendwann jedes System zusammenbricht, auch das der Selbstorganisation. Giannis Marangos hofft, dass in seinem Land keine Revolution ausbricht. Aber er sagt: „Es könnte passieren.“ Früher flohen die Menschen vom Land in die Stadt, doch die Stadt hat ihre Versprechungen nicht gehalten. In der Krise ist aus dem Traum ein Albtraum geworden, aus der Landflucht eine Stadtflucht. Mehr als 40.000 Menschen hat die Krise in Griechenlands Dörfer zurückgetrieben. In Dörfer wie Agios Vasilios.

Agios Vasilios liegt im Nordosten der Peloponnes, eingekreist von Hügeln und Feldern, darüber ein bleigrauer Himmel. Der Weg von Athen führt über holprige Straßen, die der seit Stunden fallende Regen nicht unbedingt besser macht. An Wasser mangelt es eigentlich nie, selbst im Sommer nicht. Der fruchtbare Boden der Halbinsel spielt den Landwirten in die Hände. Oliven gedeihen hier, Orangen, Nektarinen, Wein, Wassermelonen, Pfirsiche, Kartoffeln, Kürbisse und vieles mehr. Fast alle Betriebe sind Familienbetriebe, zu manchen gehören noch einige Schafe, Ziegen und Hühner.

Es ist Sonntag und sonntags treffen sich die Männer nach der Kirche im Café Bitzios, während ihre Frauen das Essen kochen. An diesem Ritual hat auch die Krise nichts geändert. Die Luft ähnelt der in Raucherkabinen auf Flughäfen. Die Männer sitzen an runden Tischen, sie trinken Fanta und Wasser, und als die Gläser leer sind, bestellen sie nichts nach. Im Fernsehen läuft Fußball.

Geschäft gleicht einem Glücksspiel

Die Männer sagen: „Wir lieben unser Dorf.“ Sie sind heilfroh, dass sie nicht in Athen, Piräus oder Thessaloniki leben wie siebzig Prozent der ungefähr elf Millionen Griechen. Sie besitzen Häuser, aus denen sie niemand vertreibt, und einige Hektar Land, deren Ertrag ihre Existenz sichert. Was sie zum Leben brauchen, bauen sie selbst an. Verglichen mit den Verhältnissen in Athen, wo viele das Essen aus Mülltonnen klauben, ist das eine ganze Menge. Aber am Ende ist es auch nur Augenwischerei.

„Alles ist teurer geworden“, sagen die Bauern, „Benzin, Öl, Strom, Dünger, Futter. Es reicht gerade so zum Überleben.“ Der Verteuerung der Produktionskosten stehen die sinkenden Preise ihrer Produkte gegenüber. Ein Kilo Birnen oder Pfirsiche kostete vor der Krise zweieinhalb bis drei Euro, jetzt sind es zwischen fünfzig Cent und einem Euro. Ihre Ware werden die Bauern auf den Märkten trotzdem nicht los. Gespart wird auch auf dem Land.

Viele Kunden warten, bis der Markt schließt und die Stände abgebaut werden, weil sie hoffen, dann weniger oder gar nichts bezahlen zu müssen. Beliefern die Bauern größere Firmen, gleicht das Geschäft einem Glücksspiel: mal zahlen die Firmen, mal zahlen sie nicht. Die Männer sagen: „Wir arbeiten zwölf Stunden am Tag und denken nur noch ans Geld und daran, ob wir irgendetwas von unserem Obst und Gemüse verkaufen.“ Würden sie wenigstens ein Licht am Ende des Tunnels sehen, könnten sie hoffen, aber da sei keines.

Hauptabnehmer war der heimische Markt

Das größte Problem der griechischen Landwirtschaft ist ihre Struktur. Die Flächen, die die Bauern bewirtschaften, sind in der Regel klein. Zu klein, als dass die Erzeugnisse auf dem europäischen Markt konkurrenzfähig angeboten werden könnten. Ihr Hauptabnehmer ist deshalb der heimische Markt, was sich in der Krise als fatal erweist. Hinzu kommt, dass die meisten Familien für sich arbeiten, obwohl es viel lohnender wäre, zu kooperieren und ein eigenes Vertriebssystem zu etablieren. Dann hätten auch die Zwischenhändler weniger Macht und das System wäre endverbraucherunfreundlicher.

Weil griechisches Obst und Gemüse zu teuer ist, wird importiert, was auch zu Hause wächst, aus Holland zum Beispiel Tomaten. Auch Milch und Käse kommt in großen Mengen aus dem Ausland. Zahlreiche Olivenbauer verkaufen ihr offenes Olivenöl bester Qualität billig nach Italien. Die Italiener vermarkten es einfach als ihr eigenes Produkt und erzielen damit einen hohen Preis. Die griechischen Bauern scheitern nicht an der Qualität ihrer Erzeugnisse, sie scheitern an ihrem eigenen System. „Es ging uns besser, als wir noch Drachmen hatten“, sagen sie.

Die Agrarpolitik der Europäischen Union verstehen sie nicht, was daran liegt, dass sie ungefähr so kompliziert ist wie der Markt für Derivate. Niemand versteht die Logik dahinter, wahrscheinlich gibt es gar keine. Mal wird das Pflanzen von Olivenbäumen subventioniert, mal deren Ausreißen. Mal soll die Getreideproduktion gedrosselt werden, mal gesteigert. Die vielen Subventionen haben die griechische Landwirtschaft jedenfalls alles andere als zukunftsfähig gemacht.

Konkurrenz und Egoismus werden größer

Tolo ist ein Postkarten-Fischerdorf im Osten der Peloponnes, durch das sich eine schmale Hauptstraße schlängelt, rechts und links davon kleine Hotels, Cafés, Geschäfte. „Paradise Lost“ steht auf einem Schild. Der Tourismus wirft trotz allem nach wie vor Geld ab. Im Hafen ankern einfache Fischerboote. Ein paar Inseln türmen sich im Meer auf, winzige Berge im Wasser. Die Fischer, zehn vielleicht, sitzen auf Bänken und rauchen, ihre Gesichter sind wettergegerbt, die Hände trocken und rissig.

Um zwei Uhr nachts sind sie rausgefahren, jetzt ist es elf Uhr und die Wolkendecke reißt auf. Es wird ein sonniger Tag. Die meisten fischen, seit sie zehn sind, siebzig Jahre auf dem Meer. Ihre Väter und Großväter nahmen sie mit hinaus und lehrten ihnen das Handwerk. Ihre Fische verkaufen sie in den umliegenden Dörfern und auf dem Markt im zehn Kilometer entfernten Städtchen Nafpoli – zumindest versuchen sie es.

Vor der Krise, erzählen die Männer, seien sie knapp fünfzig Fischer gewesen im Dorf, „jetzt sind wir weit mehr als hundert“. Aber das Meer gibt für diesen Ansturm an Fischern nicht mehr genug her. Wenn das Glück auf ihrer Seite ist, fischen sie um die dreißig Kilo pro Boot und Tag, nur macht sich das Glück derzeit rar. Der Konkurrenzkampf wird größer, der Egoismus auch.

„Delfine sind eine Katastrophe“

Während die Solidarität in der Stadt wächst, sinkt sie auf dem Land. „Heute müssen wir in einem Umkreis von sieben, acht Kilometern fischen, um unsere Netze halbwegs vollzukriegen. Vor zehn Jahren war es nur einer.“ Und die Delfine dürften sie auch nicht mehr töten, das habe ihnen die grüne Partei eingebrockt. „Die Delfine sind eine Katastrophe. Sie zerstören unsere Netze und neue Netze können wir uns nicht leisten.“

Als man sie fragt, was werden soll, zucken die Fischer mit den Schultern. „Wir haben immer hart gearbeitet, damit unsere Kinder und Enkel es einmal besser haben als wir. Jetzt haben sie es schlechter.“ Das sei das Schlimmste, diese Zukunftslosigkeit der Jugend. Einer erzählt von seinem Sohn. Betriebswirtschaftslehre habe er studiert und hervorragend abgeschlossen, doch seit einiger Zeit lebe er wieder bei ihm in Tolo – dabei hatte er nicht einmal nach den Sternen gegriffen.

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Egal, mit wem man spricht, die Menschen sind frustriert, verunsichert, erschöpft. Verspottet und verraten fühlen sie sich von ihrer Regierung und der EU. Sie glauben nicht mehr daran, dass die Politiker die Situation zum Guten wenden werden, weder ihre eigenen noch die der EU. Sie haben das Gefühl, die Troika treibe sie immer tiefer in die Rezession, anstatt sie daraus zu befreien. Das Vertrauen ist aufgebraucht.

Seit Anfang der Woche weilt die Troika wieder in Athen, um zu überprüfen, ob der Staat die geforderten Sparmaßnahmen umsetzt, ansonsten fließt kein Geld mehr. „Europa“, sagte Joachim Gauck vor kurzem in seiner großen, von allen sehnlich erwarteten Europa-Rede, „braucht jetzt nicht Bedenkenträger, sondern Bannerträger, nicht Zauderer, sondern Zupacker, nicht Getriebene, sondern Gestalter.“ Das klang schön und hoffnungsfroh.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/situation-in-griechenland-land-unter-12097799.html


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