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Leiharbeit bei Amazon und anderswo Günter Wallraff exklusiv: Ausbeutung, bis der Kapitalismus kollabiert

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Leiharbeit bei Amazon und anderswo
Günter Wallraff exklusiv: Ausbeutung, bis der Kapitalismus kollabiert

Nach dem Amazon-Skandal diskutierte der Kölner Journalist Günter Wallraff (70) bei Anne Will über die Ausbeutung von Leiharbeitern. In der Runde waren u. a. Diana Löbl, Autorin des Dokumentarfilms über Amazon, und der frühere katholische Industriepfarrer Paul Schobel. Im Exklusiv-Interview für NGO Online berichtet Wallraff über Leiharbeiter, Werkverträge, Unrechtsanwälte, Gewerkschaften, Betriebsräte, Raubtierkapitalismus und sein neues Buchprojekt. Er bekommt fast täglich Berichte von Betroffenen über menschenunwürdige Zustände in deutschen Betrieben.

NGO: Was empfinden Sie bei der Geschichte der spanischen Kunstlehrerin, die bei Amazon Weihnachtspakete packen „durfte“ und mit drei Kolleginnen in einer Ferienwohnung eingepfercht war?

WALLRAFF: Das ist mir alles sehr vertraut, denn ich bekomme fast täglich Hilferufe von Menschen, die grausam behandelt werden. Viele Leiharbeiter, prekäre Arbeitsverhältnisse, und immer häufiger Beschäftigte mit Werkverträgen. Wir haben inzwischen eine Drei-Klassen-Gesellschaft in den Betrieben: die Stammarbeiter, die noch anständige Verträge haben; die Leiharbeiter, die oft noch nicht mal die Parkplätze der Stammarbeiter benutzen dürfen oder denen das Kantinenessen verweigert wird; und Arbeiter mit Werkverträgen – da wissen oft noch nicht mal die Betriebsräte etwas über deren Arbeitsbedingungen. In den Großkonzernen scheiden immer mehr ältere Arbeitnehmer aus, und an deren Stelle werden dann jüngere als Leiharbeiter eingestellt, die leichter zu heuern und zu feuern sind. Oder man ekelt die Älteren, die noch gute Verträge haben, regelrecht raus. Dafür gibt es eine bestimmte Sorte Anwälte, die das betreibt, wie die Kanzlei Schreiner, die werben auf ihrer Internetseite: „Wir machen nicht alles, was Recht ist…“ (sondern Arbeitsrecht für Arbeitgeber.) „Es gewinnt, wer Technik und Taktik am besten beherrscht.“ Der Inhaber beruft sich ausdrücklich auf das „Naturrecht“: „Das Recht des Stärkeren liegt in der Natur einer jeden Sache.“

Der Industriepfarrer Paul Schobel, der in der Diskussion bei Anne Will dabei war – ein bewunderungswürdiger Mann: Ich habe erlebt, wie der Leute betreut hat, die regelrecht traumatisiert waren – Betriebsräte zum Beispiel, die sich diesen Machenschaften hatten entgegenstellen wollen, die sich weder hatten einschüchtern lassen noch hatten kaufen lassen. Wenn das alles nichts nützt, werden solche Anwälte hinzugezogen, und die schaffen es, diese Leute zu traumatisieren. Helmut Naujoks zum Beispiel formuliert mit dem Buch »Kündigung von Unkündbaren« direkt die Aufforderung zum Rechtsbruch. Das ist nur die Spitze. Die meisten Unternehmen greifen noch nicht zu solchen Methoden, aber es geht in die Richtung.

Wie funktioniert das mit den Werkverträgen?

WALLRAFF: Dabei vergibt die Firma selber den Auftrag an andere Firmen – das können auch ausländische Firmen sein. Und dann hat der Betriebsrat überhaupt kein Mitspracherecht. In der Fleisch verarbeitenden Industrie sind bis zu 90 Prozent Arbeiter aus Polen, Rumänien, Bulgarien usw. auf Basis von Werkverträgen. Bei den Betrieben, die nicht so im Licht der Öffentlichkeit stehen wie Amazon, liegen die Löhne in solchen Fällen bei 3-4 Euro pro Stunde.

Haben Sie da ein besonders schlimmes Beispiel im Kopf von den Fällen, die Ihnen berichtet wurde?

WALLRAFF: Gerade heute hat mir ein Leiharbeiter geschrieben: Wenn sich bei uns jemand länger als zwei Minuten auf der Toilette aufhält, dann geht das Licht aus. Oder die Leute müssen sich regelrecht abmelden und kriegen die Zeit dann vom Lohn abgezogen. Das mag ein drastischer Einzelfall sein. Aber ganz normal ist, dass Leiharbeiter 30 bis 50 Prozent weniger Lohn erhalten als Stammarbeiter. Hier habe ich gerade eine Mail bekommen: Da war jemand über die Zeitarbeitsfirma Manpower in einem Call-Center von Kabel Deutschland beschäftigt, der verdiente 50 Prozent von dem, was die Angestellten dort bekommen. Noch nicht einmal die Provisionszahlungen wurden vertragsgemäß an ihn ausgezahlt; das klappte erst, als er Kabel Deutschland eingeschaltet hatte.

In der Sendung sagte der FDP-Vertreter Johannes Vogel, dass in der Leiharbeit jetzt „schrittweise“ das Prinzip „equal Pay – gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ eingeführt werden solle. Bis das so weit ist…

WALLRAFF: …kann das noch Jahre dauern, falls es nicht ständig unterlaufen wird. Schon jetzt haben wir überall diese Werkverträge. Es muss da eine ganz klare Gesetzgebung geben: gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Mindestlohn alleine hilft wenig; ein Mindestlohn ist eben nur das allermindeste. Und wenn man dann noch die Statistik betrachtet: Die Unfallgefährdung der Leiharbeiter ist dreimal so hoch. Das sind offizielle Zahlen, die werden auch von Arbeitsagenturen bestätigt. Das ist auch nachvollziehbar: Die Leute werden auf die Schnelle eingesetzt. Die müssen unter Beweis stellen, dass sie auch was bringen. Und sie müssen häufig in Konkurrenz treten zu den fest Angestellten; sind von daher auch nicht so beliebt. Früher hätte man die Akkordbrecher genannt. Es sind auch oft Jüngere, Belastbare, die nur für eine kurze Zeit diesen enormen Einsatz bringen können. Dann wollen sie fest eingestellt werden. Aber der sog. Klebeeffekt, mit dem das früher begründet wurde, ist minimal: Es sind ja höchstens 7 Prozent, die übernommen werden. Und wenn, dann wurden sehr häufig an deren Stelle Stammarbeiter entlassen oder hinausgeekelt. Dann hat man fünf Leiharbeiter und sagt denen: zwei von euch werden übernommen. Da ist ein Hauen und Stechen innerhalb der Betriebe. Die Angst geht um.

Stimmt es, dass Leiharbeiter eine andere Drillichfarbe tragen müssen als die Stammbelegschaft?

WALLRAFF: Das war ein Fall in einem bekannten Betrieb in der Nähe von Köln. Da arbeiteten viele Leiharbeiter ausländischer Herkunft, machten die gleiche Arbeit wie die anderen und bekamen viel weniger Lohn. Da hat es ein Leiharbeiter, der schon Jahre dort beschäftigt war, gewagt, den Inhaber auf diese Ungerechtigkeit anzusprechen. Das hat der als so ungehörig empfunden, dass er verfügte, dass fortan die Leiharbeiter gelbe Drilliche zu tragen hätten, damit man sie auch als „minderwertige“ Arbeitskräfte erkennen konnte. Als ich das bei einer Betriebsrätekonferenz der Caritas in Osnabrück erzählte, stand einer der Betriebsräte auf und sagte etwas hilflos: „Bei uns auf der Werft hier ist das genauso. Was kann man denn dagegen machen?“ Da sagte ich: „Zeigt euch solidarisch! Macht eine Aktion! Am besten kommen alle Kollegen an einem Tag mit den gleichen orangen Drillichen zur Arbeit.“ Das gab Beifall. Ob das dann auch realisiert wurde, weiß ich nicht. Es gibt also innerhalb der Arbeiterschaft durchaus noch dieses Gefühl der Solidarität; und da gehört auch Zivilcourage zu. Man muss das nur wieder erwecken.

Was können Gewerkschaften und Betriebsräte sonst noch gegen diese Missstände unternehmen?

WALLRAFF: Gewerkschaften sind so schwach und so stark, wie die Mitglieder es ihnen abverlangen. In Ostdeutschland gibt es schon gewerkschaftsfreie Zonen; da traut sich schon keiner mehr, in eine Gewerkschaft einzutreten. Oder nur heimlich.

Wie stehen umgekehrt Leiharbeiter zu Gewerkschaften und Betriebsräten?

WALLRAFF: Die sind sehr schwach organisiert, weil sie zum Teil den Beitrag einsparen, und weil sie oft nirgendwo angebunden sind, wenn sie so hin- und hergekarrt werden. Da gibt es keine Bindung an irgendeine Struktur; da hat die Gewerkschaft große Probleme. Das ist mit die Crux. Man kann jedem nur raten auf Veranstaltungen: Werdet Mitglied einer Gewerkschaft! Gründet eigene Jugendvertretungen, wählt eigene Vertrauensleute, gründet einen Betriebsrat und wählt den auch wieder ab, falls er sich hat kaufen lassen.

Wenn ein Vertreter von Amazon in der Sendung gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich gesagt: Das geht gar nicht anders. Die Leute wollen schnell beliefert werden und nichts dafür zahlen. Das kriegt man nur mit den billigst möglichen Arbeitskräften hin.

WALLRAFF: In der Tat, der Versand kostet oft gar nichts, das übernehmen die Hersteller. Und 30 Prozent von dem, was wir bestellen, wird zurückgeschickt. Eine Unsitte! Es gibt sogar schon diese Zalando-Partys, da führen die Leute die Klamotten und Schuhe vor, die sie in dem Laden bestellt haben, und schicken sie nachher wieder zurück. Hier müsste der Gesetzgeber eingreifen und die Dumpinglöhne verbieten, die so etwas möglich machen. Das ist ja eine Kette: Amazon ist schon schlimm, aber dann kommen am Ende ja noch die, die die Sachen ausliefern, die Paketdienste: DPD, GLS, Hermes usw. – da kriege ich jeden Tag neue Horrormeldungen herein. In einigen Fällen kann man schon von Menschenrechtsverletzungen sprechen. Wenn Sie da jemanden fragen: Wie lange bist du unterwegs? Ja, 12, 14 Stunden, so gut wie keine Pause. Und wie viel verdienst du pro Stunde? Dann fängt der an zu rechnen und kommt auf 2,50 bis gerade mal 4 € pro Stunde. Aber das hat er verdrängt. Das sind dann oft Menschen, die sonst überhaupt keine Chancen haben: Russlanddeutsche, Rumänen, Leute türkischer Herkunft mit Sprachproblemen, Schwarze, die aufgrund der Hautfarbe diskriminiert werden. Die werden ausgepresst bis zum Geht-nicht-mehr.

Die Ausnahme ist übrigens UPS: Die standen vor Jahren auch stark in der Kritik, haben daraus gelernt und haben jetzt zu zwei Dritteln anständige Arbeitsbedingungen; die Fahrer haben feste Arbeitszeiten, Urlaubsgeld und Fortbildungsmöglichkeiten – und der Konzern macht trotzdem Gewinn. Allerdings zwingt die Konkurrenz auch die dazu, immer mehr auf Subunternehmen zu verlagern. Subunternehmer sind oft nicht besser dran als ihre Fahrer; die rasseln reihenweise in die Insolvenz. Da erhalte ich jede Woche mehrere Berichte von Verzweifelten.

Ich habe jetzt das Büro Workwatch (Brennpunkt Betrieb) gegründet. Da sind zwei Mitarbeiter in ganz Deutschland unterwegs und kontaktieren die Betroffenen. Im Herbst wird ein Buch erscheinen, wobei sämtliche Honorare den Betroffenen zugute kommen. Man müsste es eigentlich organisieren, dass auch ehrenamtliche dabei sind – so sehr nimmt das überhand.

Wie kriegen wir es hin, dass die Unternehmer auf einen Teil ihres Profits verzichten?

WALLRAFF: Freiwillig nicht. Das liegt in der Natur der Sache. Im Grundgesetz steht zwar: »Eigentum verpflichtet.« Aber darunter wird inzwischen verstanden: Eigentum verpflichtet dazu, noch mehr Eigentum anzuhäufen. Unterdessen rutscht auch der Mittelstand ab; das ist statistisch nachweisbar. Da dominieren mehrheitlich die Abstiegsängste gegenüber den Aufstiegshoffnungen. Die Klügeren unter den Konservativen fangen an, das zu durchschauen. Ein Beispiel ist der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Wenn wir Linken früher solche Ansichten äußerten, wie er sie jetzt in seinem Buch »Ego« drastisch darlegt, dann wurden wir von seinesgleichen als ewig gestrige Klassenkämpfer geschmäht. Und jetzt kommen die selber damit! Das finde ich erfreulich, und wenn jemand lernfähig ist, muss man sagen: Weiter so! Das Resümee, das er in seinem Buch zieht, lautet: „Die Gewinne werden privatisiert und die Verluste vergesellschaftet.“ Eine Binsenweisheit! Aber sie haben es begriffen; vielleicht auch, weil es sich inzwischen in einem Ausmaß in der Gesellschaft ausbreitet, dass auch ihre eigenen Leser zunehmend davon betroffen sind. Ich spüre, dass in unserer Gesellschaft wieder eine soziale Bewegung im Entstehen ist, die aus den Fehlern der Vergangenheit lernt. Ich bin Berufsskeptiker und Zweckoptimist. Es muss sich grundlegend etwas ändern, weil unser Gesellschaftssystem ansonsten kollabiert. So wie das pseudosozialistische System an sich selbst erstickt ist, so ist jetzt der entfesselte Raubtierkapitalismus an seine Grenzen gelangt.

Ist ein Buch von Ihnen zum Thema derzeit auf dem Markt?

WALLRAFF: Mein letztes Buch »Aus der schönen neuen Welt – Expeditionen ins Landesinnere« behandelt solche prekären Arbeitsverhältnisse wie zum Beispiel in der KEP-Branche, als ich als Paketfahrer unterwegs war, oder in einer Brotfabrik, die für Lidl produziert hat, in der ich frühkapitalistische Zustände erlebte und ich mir in dieser maroden Anlage wie fast alle meiner Arbeitskollegen beim Absetzen der Bleche Verbrennungen an den Armen zuzog. Oder in Call-Centern, wo mit betrügerischen Methoden Menschen buchstäblich übers Ohr gehauen wurden. Und die Reportage über die Zeit, in der ich als Obdachloser in Heimen und auf der Straße übernachtete.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Wallraff!

Das Gespräch führte und protokollierte Jens Jürgen Korff.
Günter Wallraff (1942)

Der für seine Undercover-Reportagen bekannte Journalist schrieb mit dem Buch »Ganz unten« das meistverkaufte deutschsprachige Buch der Nachkriegszeit (über 5 Mio. Exemplare). Darin berichtet er über seine Erfahrungen als »Türke Ali« in der real existierenden Arbeitswelt und Ausbeutung in der deutschen Industrie.

Sein letztes Werk »Aus der schönen neuen Welt« wurde bereits 180.000 Mal verkauft und ist gerade als erweiterte Taschenbuch-Ausgabe erschienen. Es enthält u.a. Reportagen über Paketdienste, das Call-Center-Unwesen, die Deutsche Bahn und Starbucks.
Der Fall Amazon

Diana Löbl und Peter Onneken deckten im Februar 2013 in dem Dokumentarfilm »Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon« für den Hessischen Rundfunk auf, unter welchen Bedingungen Leiharbeiter im Weihnachtsgeschäft bei Amazon eingesetzt wurden und wie sie untergebracht waren.
Online bei DasErste

http://www.ngo-online.de//2013/03/4/wallraff-im-interview-ausbeutung-kapitalismus/


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