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Grösste Demonstration der jüngeren Landesgeschichte: „Zur Hölle mit der Troika“: Portugiesen aus allen Schichten und in allen Landesteilen protestieren zu Hundertausenden friedlich und mit Musik gegen die Politik ihrer Regierung und der Troika! Auch Behinderte verschaffen sich Gehör!

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Portugal

Massen mit Musik gegen die Troika

International Heute, 16:44
Lissabon am 2. März 2013: Hunderttausende von Personen folgten dem aufruf zur friedlichen Demonstration gegen die strenge Austeritätspolitik.

Lissabon am 2. März 2013: Hunderttausende von Personen folgten dem aufruf zur friedlichen Demonstration gegen die strenge Austeritätspolitik. (Bild: Imago)
Riesige Menschenmengen haben in Portugal gegen die Sparpolitik protestiert. Die Demonstranten wünschten die Gläubiger-Troika zur Hölle und forderten den Rücktritt der Regierung.
Thomas Fischer, Lissabon

Der Unmut über die harte Austerität in Portugal hat am Samstag in den wohl grössten Demonstrationen der jüngeren Landesgeschichte ihren Ausdruck gefunden. In Lissabon, Porto und rund 30 anderen Städten folgten Hunderttausende von Personen dem Aufruf der unabhängigen Bewegung «Que se lixe a Troika» (sinngemäss «zur Hölle mit der Troika») zum Protest gegen das externe Trio von Gläubigern, das dem überschuldeten Land im Jahr 2011 unter strikten Auflagen einen Notkredit gewährt hatte.

Erinnerung an die Revolution

Die wachsende Empörung über den harten Austeritätskurs in Portugal trieb am Samstag auch Behinderte auf die Strasse. Zwischen den marschierenden Teilnehmern eines grossen Protestmarsches fährt eine Reihe von Frauen und Männern in Rollstühlen über die prachtvolle, breite Avenida da Liberdade. «Auch die Behinderten spüren die harten Einschnitte der Regierung», klagt die 46 Jahre alte Manuela Ralha. «Sie verbringen immer mehr Zeit eingeschlossen zu Hause», meint die querschnittgelähmte frühere Lehrerin, die ihre Rente auf 212 Euro pro Monat beziffert und nach dem kurzen Wortwechsel laut in einen Sprechchor einstimmt, um den Rücktritt der Regierung zu verlangen.

Gerade hält sich die Troika zu einer neuen Inspektion im Land mit einer Arbeitslosenquote von bereits rund 17 Prozent und starker Emigration auf. Es wächst die Angst vor einer rezessiven Spirale. In einem Manifest forderten die Organisatoren der Märsche den Rücktritt der bürgerlichen Regierung von Ministerpräsident Passos Coelho, ohne aber konkrete Linien für einen alternativen Weg aus der Krise aufzuzeigen. Die Proteste vom Samstag verliefen – anders als einzelne Aktionen der letzten Zeit, bei denen Mitglieder kleiner Gruppen mit Tomaten oder Steinen geworfen hatten – durchwegs friedlich. Musik sorgte für eine fast romantische Note.

Immer wieder erklang das bekannte Lied «Grândola, vila morena», das an den Sturz der faschistoiden Diktatur durch die Nelkenrevolution vom 25. April 1974 erinnert – und am Samstag manche nostalgischen Tränen kullern liess. In der Nacht auf jenen Tag ging das Lied von José Afonso als geheimes Signal aufständischer Militärs für den Beginn des unblutigen Putsches über einen Radiosender. In diesen Wochen hat es sich zur Hymne des Protests gegen die Troika und die Regierung entwickelt. Mit Gesang statt durch Pfiffe wurden mehrmals Minister bei öffentlichen Auftritten übertönt.

Die Organisatoren der Märsche vom Samstag hatten nicht zum ersten Mal über soziale Netze und Plakate zum Protest aufgerufen. Schon im September hatten ihre Aufrufe zum Protest ein breites Gehör gefunden und grosse Mengen auf die Strassen gebracht. Ihre Märsche hatten sogar mehr Zulauf als jene des linken Gewerkschaftsbundes CGTP, obwohl dieser eine beachtliche Fähigkeit zur Mobilisierung hat. Dessen Führung beteiligte sich auch am Marsch vom Samstag. Die Kommunistische Partei, die die Bedeutung alternativer Proteste mitunter heruntergespielt hatte, liess diesmal wissen, dass die Kommunisten präsent sein würden, als Beitrag zum Kampf gegen den «Pakt der Aggression», womit die Abmachungen mit der Troika gemeint sind.

Bitterkeit über die «Versager»

Am Protest in Lissabon beteiligten sich Leute aller Altersgruppen. «Warum ich dabei bin? Erst will die Regierung, dass wir das zwölfte Schuljahr abschliessen, aber dann sind alle Türen zu», meint die 20-jährige Mihaela, die arbeitslos ist und mit einer Freundin und deren Mutter zum Marsch gekommen ist. Plakate mit nur einem Wort, «Versager», tragen die 45-jährige Sekretärin Luísa und ihr 40-jähriger Gatte João, ehemals Finanzdirektor eines inzwischen geschlossenen Unternehmens und jetzt arbeitslos. Mit insgesamt 2200 Euro aus Salär und Arbeitslosengeld mögen die Eltern von zwei Kindern besser dastehen als viele Landsleute. Für die Zukunft sind sie jedoch pessimistisch. Wer sind die Versager? «Alle, die an der Macht sind und in den letzten Jahren dran waren.»

Als arbeitslose Lehrerin hat Susana Florência, 36 Jahre alt, schon über die Auswanderung nachgedacht. Sie zeigt ebenso wenig Vertrauen in die wirtschaftlichen Perspektiven daheim wie ihre 34-jährige Freundin Odília Nunes, Ingenieurin für Biotechnologie, die nicht in ihrem Fach arbeitet, sondern in einem Callcenter. Sie hat eine «biologische» Erklärung für die Lage im Land. Sie sieht die Korruption als grosses Krebsübel.


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