Startseite » Demokratisierungsmarsch » „Die Türken haben hier viel zerstört, aber sie haben den Bulgaren zumindest noch einige Schafe gelassen zum Überleben.“ Nicht so heute. „Alles ist hier kaputt.“ Weder für Junge noch für Alte gebe es Arbeit. Die Nationalelf war so ziemlich das Einzige, das funktioniert hat im Land seit dem Einzug von Marktwirtschaft und Demokratie. „Wir werden eine Revolution haben. Wir fangen noch einmal von vorn an. Und die neue politische Klasse, die kommt, wird aus den Fehlern der alten gelernt haben.“

„Die Türken haben hier viel zerstört, aber sie haben den Bulgaren zumindest noch einige Schafe gelassen zum Überleben.“ Nicht so heute. „Alles ist hier kaputt.“ Weder für Junge noch für Alte gebe es Arbeit. Die Nationalelf war so ziemlich das Einzige, das funktioniert hat im Land seit dem Einzug von Marktwirtschaft und Demokratie. „Wir werden eine Revolution haben. Wir fangen noch einmal von vorn an. Und die neue politische Klasse, die kommt, wird aus den Fehlern der alten gelernt haben.“

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„Schlimmer als Türkenregime“

3. März 2013, 17:54
  • Proteste in Sofia.
    foto: apa/epa/donev

    Proteste in Sofia.


Bulgaren nutzen Nationalfeiertag für neuen Protest – „Wir werden eine Revolution haben“

Weiß-grün-rote Fahnen gibt es in allen Größen. Die selbstgemalten mit den Insignien der Rebellenführer aus dem Krieg gegen die Türken, ein Stockwerk hoch. Die halb so großen, die man sich um die Schultern legen kann, und die kleinen natürlich, die trotzig in der Hand gehalten werden.

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Es ist der Tag der nationalen Befreiung in Sofia. Aber die historischen Gewissheiten haben sich in den vergangenen Wochen verschoben. Wer der größere Feind ist, der bezwungen wurde, ist nicht mehr so klar – das Osmanische Reich, damals, 1878, oder Boiko Borissow, der zurückge tretene bulgarische Premier, mitsamt den Parteien, die jetzt keiner mehr will.

Beschwörung eines Wunders

„Bulgarien – Helden“, skandiert die Menge, zieht über die ansonsten leeren Boulevards im Zentrum der Hauptstadt, trommelt und trillert. Es war der Schlachtruf bei der WM 1994, als das bulgarische Fußballwunder geschah: Einzug ins Halbfinale, Frankreich besiegt, Argentinien, am Ende gar Deutschland. Jetzt ist es eben eine politische Losung mitten im Volksprotest gegen Strompreise und Unternehmermonopole, die stolze Beschwörung des einen Sommers des Erfolgs. Denn die Nationalelf, so sehen es viele Bulgaren, war so ziemlich das Einzige, das funktioniert hat im Land seit dem Einzug von Marktwirtschaft und Demokratie.

Im Meer der Fahnen schwimmt ein kleines schwarzes Transparent, das zwei alte Männer halten. „45+23=500“ steht darauf in weißer Schrift. Die Rechnung geht auf, versichern die beiden. 45 Jahre Sozialismus und 23 Jahre Demokratie in Bulgarien waren so schlimm wie 500 Jahre Türkenherrschaft.

„Eigentlich noch schlimmer“, sagt Marin mit dem gewissen Hang zum Drama und zur Schwarzmalerei, der den Bulgaren eigen ist: „Die Türken haben hier viel zerstört, aber sie haben den Bulgaren zumindest noch einige Schafe gelassen zum Überleben.“ Nicht so heute. „Alles ist hier kaputt“, sagt Marins Freund Swetozar, der das andere Ende des Transparents hält. Weder für Junge noch für Alte gebe es Arbeit.

In Umfragen schneiden die Bulgaren regelmäßig als das unzufriedenste Volk ab. Aber Marin hat noch eine andere Zahl: 300 Lewa Pension bekommt er im Monat, umgerechnet 150 Euro. Das reicht für Strom, Gas und Wasser und vielleicht für einige Tage zum Essen. Zum Überleben ist es nicht genug. Aber in Bulgarien, dem ärmsten Land der EU, versuchen nicht nur die Pensionisten, sich über den Monat zu retten.

Die Verbitterung sitzt seit Jahren tief im Volk, und jetzt ist sie hervorgebrochen. „Warum ich demonstriere? Wir leben hier so gut“, erklärt Alexander ironisch, ein Taxifahrer und Familienvater mit zwei kleinen Kindern. Umgerechnet 500 Euro verdient er im Monat, auf die vorgezogenen Wahlen im Mai pfeift er. „Wir werden eine Revolution haben. Wir fangen noch einmal von vorn an. Und die neue politische Klasse, die kommt, wird aus den Fehlern der alten gelernt haben.“  (Markus Bernath aus Sofia /DER STANDARD, 4.3.2013)

 


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