Startseite » Vordenker » „Die Macht des Geldes war noch nie so groß, anmaßend und egoistisch wie heute!“ Seit der Jahrtausendwende finde eine rasante und umfassende soziale, politische und gesellschaftliche Regression statt.„Wir, Veteranen der Widerstandsbewegung, sagen euch: Nehmt das Steuer in die Hand, empört euch!“ Vor einem Jahr unterzeichnete Hessel in Paris als einer der ersten das Manifest „Roosevelt2012“!

„Die Macht des Geldes war noch nie so groß, anmaßend und egoistisch wie heute!“ Seit der Jahrtausendwende finde eine rasante und umfassende soziale, politische und gesellschaftliche Regression statt.„Wir, Veteranen der Widerstandsbewegung, sagen euch: Nehmt das Steuer in die Hand, empört euch!“ Vor einem Jahr unterzeichnete Hessel in Paris als einer der ersten das Manifest „Roosevelt2012“!

Neueste Beiträge

Stéphane Hessel 95-jährig gestorben

STEFAN BRÄNDLE AUS PARIS, 27. Februar 2013, 11:02
  • Stéphane Hessel, Überlebender des KZ Buchenwald und Bestsellerautor, ist im Alter von 95 Jahren gestorben.
    foto: afp/joel saget

    Stéphane Hessel, Überlebender des KZ Buchenwald und Bestsellerautor, ist im Alter von 95 Jahren gestorben.

Der Autor des Bestsellers „Empört euch!“ und unbestechliche Zeitzeuge eines ganzen Jahrhunderts ist tot

Die russische Revolution liegt weit zurück, ebenso der Erste Weltkrieg. Gleich weit reichte das Leben des Stéphane Hessel: Der französische Berufsdiplomat, dessen Ableben seine Frau am Mittwoch bekanntgab, war im Jahre 1917 in Berlin auf die Welt gekommen. Sein Vater, der Schriftsteller Franz Hessel, emigrierte mit seiner Familie vor dem Zweiten Weltkrieg nach Paris. Der Filius wurde Franzose und engagierte sich früh im französischen Widerstand; 1944 wurde er von der Gestapo verhaftet, gefoltert und nach Buchenwald deportiert. Aber Hessel überlebte nicht nur das KZ, sondern das ganze Jahrhundert. In seinem zweiten Leben arbeitete er für Frankreich als subalterner Diplomat an der Formulierung der Uno-Menschenrechtserklärung mit. Später amtierte er als Botschafter in verschienen Missionen, danach setzte er sich in Paris für soziale Anliegen und Papierlose ein.

Wütendes Pamphlet

Sehr spät, erst im 21. Jahrhundert, begann sein drittes Leben: 2009 gab er einen Essay mit dem Titel „Empört euch!“ heraus. Zuerst in Frankreich, dann in mehr als vier Millionen Exemplaren in 100 Ländern, wurde das dünne Bändchen zur Bibel der Occupy-Bewegung – dank Sätzen wie: „Wir, Veteranen der Widerstandsbewegung, sagen euch: Nehmt das Steuer in die Hand, empört euch!“

Ausgerechnet dieser feine, kultivierte Mann, der Chagall und Picasso gekannt hatte, der Hölderlin auf Deutsch rezitierte und eigene Gedichtsammlungen herausgab, hatte dieses zornige Pamphlet geschrieben, das Hunderttausende auf die Straße treiben sollte. Dass er kein fluchender Wutbürger à la Bebbe Grillo war, sondern ein Gentleman in der Seele, trug bei den jungen Indignados nur noch mehr zu seinem Erfolg bei.

Der Sartre- und Hegel-Bewunderer traf den Nerv der Zeit. Er prangerte eine Entwicklung an, in der nicht mehr das Allgemeininteresse, sondern das Finanzordnung dominiert. Von der Höhe seines Alters erinnerte Hessel daran, dass in Frankreich der Résistance-Anführer Charles de Gaulle nach dem Zweiten Weltkrieg die Banken verstaatlicht habe, um die Sozialversicherung zu finanzieren. Heute folge die soziale Demokratie den Vorgaben des Kapitals: „Die Macht des Geldes war noch nie so groß, anmaßend und egoistisch wie heute“, hieß es in dem Bestseller. Die Nachkriegszeit habe zwar auch Erfolge verzeichnet, darunter die Entkolonisierung, das Ende der Apartheid oder den Fall der Berliner Mauer – doch seit der Jahrtausendwende finde eine rasante und umfassende soziale, politische und gesellschaftliche Regression statt.

„Das ist kein Verdienst, sondern eine Verantwortung“

Von sich selbst sprach Hessel nur ungern. In einem Interview mit dem Standard meinte er 2011 zur Frage, wie man sich als 94-Jähriger fühle, wenn man soeben eine weltweite Sozialbewegung losgetreten habe: „Das ist kein Verdienst, sondern eine Verantwortung.“ Er habe nur in Worte gefasst, was Millionen von Menschen seit langem dächten. „Empörung allein genügt aber nicht“, ergänzte Hessel im gleichen Atemzug, als Antwort auf die Kritik, er vermittle Gefühle, aber keine Lösungen. „Es macht vielleicht Spaß, auf die Straße zu gehen ; aber um nützlich zu sein, um etwas zu erreichen, muss man in unseren Demokratien in Parteien mitarbeiten, muss man sich politisch engagieren – sei das als Regierender oder als einfacher Bürger.“

Zu Bewegungen wie den italienischen „Grillini“ erklärte Hessel später, es genüge nicht, sie als Populismus oder Antipolitik abzutun. Mit dem Stil faustreckender Wutbürger hatte er aber nichts am Hut. Hessel wollte das System nicht aufbrechen, sondern von innen her ändern. „Der Staat muss eingreifen, auch in die Banken. Wir brauchen mehr, nicht weniger Regulierung. Nötig wäre ein gesamthaft neuer Ansatz, wie Roosevelts New Deal ab 1933“, fügte der alte Mann an. Vor einem Jahr unterzeichnete Hessel in Paris als einer der ersten das Manifest „Roosevelt2012“, das politisch zwischen der Sozialistischen und der Grünen Partei angesiedelt ist.

Antisemitismus-Vorwurf

Hessel hatte auch Feinde. Israel warf ihm vor, er gehe nur mit der Siedlungspolitik in den palästinensischen Gebieten ins Gericht, nicht aber mit den Regimes in Syrien oder Nordkorea – was Hessel mühelos widerlegte. Gilles-William Goldnadel, Vertreter des jüdischen Dachrates in Frankreich (Crif), warf ihm in einem Gegen-Pamphlet namens „Der alte Mann empört mich“ darauf vor, seine Résistance-Taten und seine diplomatische Karriere übertrieben zu haben. Der Angesprochene nahm solche persönlichen Attacken schmunzelnd als Hommage entgegen: Sie zeigten, dass es gegen Hessel einfach keine Argumente gab. (Stefan Brändle, derStandard.at, 27.2.2013)

 

„Roosevelt 2012-Kollektiv“ in Frankreich gegründet

Eine Gruppe von 39 Ökonomen, Politikern und Künstlern ist jetzt mit einem Manifest an die französische Öffentlichkeit getreten, in dem die Verfasser eine Lösung der Finanzkrise im Stile Franklin Roosevelts fordern. Unter den Unterzeichnern befinden sich der ehemalige sozialistische Premierminister Michel Rocard und zwei ihm nahestehende bekannte Ökonomen, Pierre Larrouturou und Stephane Hassel. Die Unterzeichner befürchten, daß die Zivilgesellschaft nach fünf Jahren Finanzkrise nun an einem Wendepunkt angelangt ist, an dem der Absturz in einen chaotischen Zusammenbruch droht.

Die Rückkehr zu den Prinzipien der Krisenbewältigung von Roosevelt, das heißt Einrichtung eines Trennbankensystems und einer Pecora-Kommission [zur Untersuchung der Ursachen der Finanzkrise], ist seit Jahren die erklärte Politik von Präsidentschaftskandidat Jacques Cheminade und der französischen Schwesterpartei der BüSo, Solidarité et Progrès. Cheminade hat in den letzten Wochen diese Themen prominent in den französischen Medien vertreten. Wenn jetzt auch andere Kräfte statt ewiger Rettungspakete für die Banken eine Politik für die Bürger fordern, kann das eine wirkliche Lösung der Krise nur befördern.

Obwohl das Manifest offensichtlich schon im Februar geschrieben wurde, wurde darüber in den Medien erst in der letzten Woche berichtet, als bekannt wurde, daß Roosevelts Enkel, der in Südfrankreich lebende Curtis Roosevelt, die Bewegung unterstützt. Er wird in den nächsten Wochen bei einer Reihe von Veranstaltungen zu dem Thema sprechen.

Es folgen einige Auszüge aus dem Manifest:

„Als Roosevelt an die Regierung kam … befand sich die amerikanische Bevölkerung in einer verzweifelten Lage: 14 Millionen Arbeitslose, die Industrieproduktion innerhalb von drei Jahren um 45 Prozent gesunken … Roosevelt trat sofort mit einer Entschlossenheit in Aktion, die Zuversicht verbreitete. … In drei Monaten setzte Roosevelt mehr Reformen durch, als sein Vorgänger Hoover in vier Jahren. Der Prozeß verlief unglaublich schnell: Einige Gesetze wurden an einem einzigen Tag ins Parlament eingebracht, debattiert, verabschiedet und veröffentlicht.

Roosevelt wollte die Märkte nicht beschwichtigen, sondern unter Kontrolle bringen. Die Anteilseigner reagierten wütend und setzten all ihre Macht ein, um das Gesetz, das die Aufspaltung der Banken in Geschäftsbanken und Investmentbanken verfügte, zu bekämpfen, genau so, wie sie gegen die Besteuerung der höchsten Einkommen und die Einführung einer Besteuerung von Profiten zu Felde zogen. Doch Roosevelt blieb standfest und konnte innerhalb von drei Monaten fünfzehn grundlegende Reformen durch den Kongreß bringen. Die von den Finanziers beschworene Katastrophe blieb aus. Mit Hilfe dieser Regeln gedieh die amerikanische Volkswirtschaft in den nächsten fünfzig Jahren.

Die Welt hat sich seitdem stark verändert. Doch Roosevelts Prinzipien sind nach wie vor modern: Sag die Wahrheit [über die Lage], sprich die Intelligenz der Bürger an und handle entschlossen.“

Dann greifen die Autoren die radikale Sparpolitik an, die die EU Staaten wie Griechenland oder Italien aufgezwungen hat und warnen, daß dies den Weg zur Errichtung autoritärer Regime bahne. Die Finanzwelt habe mit dem Argument, demokratische Entscheidungsprozesse dauerten im Gegensatz zu den täglichen Entscheidungen der Märkte zu lange, ihre Kontrolle über Regierungen zementiert. „Wir können nicht akzeptieren, daß die Oligarchie, die uns die Krise beschert hat, jetzt auch noch einen Vorteil aus ihr zieht, um ihre Macht mit dem Argument zu vergrößern, die Austeritätspolitik sei alternativlos.“

Das Manifest endet mit einem Katalog von 15 Forderungen, darunter die Einführung eines Glass-Steagall-Trennbankensystems, die Staatsschuld gegenüber den Privatbanken zu reduzieren, den Boykott von Offshore-Steueroasen, Einführung einer Transaktionssteuer, die Verhinderung der Verlegung von Produktionsstätten in Niedriglohngebiete (Outsourcing) usw.

Zu allerletzt appellieren die Autoren an die Bevölkerung, sich für ihre eigene Zukunft stark zu machen. Die Berliner Mauer sei schließlich auch nicht aufgrund diplomatischer Schachzüge gefallen, sondern weil das Volk aufstand, um eine Regime loszuwerden, das ihnen ihre Menschenwürde verweigerte.

 


1 Kommentar

  1. ralphbuttler sagt:

    Reblogged this on Auf dem Dao-Weg.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: