Startseite » Uncategorized » Einst hatte jede irische Familie, direkt oder indirekt, Kontakte zu einem Missionar. Horgan, der Buchautor, führt die irischen Sympathien für die Dritte Welt ausdrücklich auf die Dialektik zwischen den individuellen Erfahrungen der Missionare und der Wahrnehmung des irischen Publikums zurück.Zum einen kamen die Iren zu spät, zum anderen waren sie aus eigener, leidvoller Erfahrung gefeit gegen die Propagierung einer Herrenrasse. Die irische Öffentlichkeit war somit nicht auf die in den Medien verbreitete, vorherrschende Meinung angewiesen, sondern hatte eigene, zuverlässige Quellen. Dem irischen Fernsehen gebührt an dieser Stelle ein Lorbeerkranz. Die Dokumentarserie «Radharc» schilderte seit 1962 kritisch die Zustände in der Dritten Welt. Dabei konnte der nationale Sender kostengünstig auf das Netz der Missionare zurückgreifen. Die Auslandberichterstattung war damals sehr lückenhaft, aber die regelmässigen Einblicke in die realen Zustände ausserhalb Europas prägten die irische Öffentlichkeit.

Einst hatte jede irische Familie, direkt oder indirekt, Kontakte zu einem Missionar. Horgan, der Buchautor, führt die irischen Sympathien für die Dritte Welt ausdrücklich auf die Dialektik zwischen den individuellen Erfahrungen der Missionare und der Wahrnehmung des irischen Publikums zurück.Zum einen kamen die Iren zu spät, zum anderen waren sie aus eigener, leidvoller Erfahrung gefeit gegen die Propagierung einer Herrenrasse. Die irische Öffentlichkeit war somit nicht auf die in den Medien verbreitete, vorherrschende Meinung angewiesen, sondern hatte eigene, zuverlässige Quellen. Dem irischen Fernsehen gebührt an dieser Stelle ein Lorbeerkranz. Die Dokumentarserie «Radharc» schilderte seit 1962 kritisch die Zustände in der Dritten Welt. Dabei konnte der nationale Sender kostengünstig auf das Netz der Missionare zurückgreifen. Die Auslandberichterstattung war damals sehr lückenhaft, aber die regelmässigen Einblicke in die realen Zustände ausserhalb Europas prägten die irische Öffentlichkeit.

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Irische Mission

Auf Columbans Spuren

International Dossier: Auf Sendung – Mission im Wandel Heute, 06:00
Missionare für die halbe Welt: Zöglinge des Priesterseminars in Maynooth in einer Aufnahme aus dem Jahr 1962.
Missionare für die halbe Welt: Zöglinge des Priesterseminars in Maynooth in einer Aufnahme aus dem Jahr 1962. (Bild: Henri Cartier-Bresson / Magnum)
Kein anderes europäisches Land hat – gemessen an seiner Grösse – zeitweise so viele Missionare in die Welt geschickt wie Irland. Sie knüpften an eine frühere Welle von irischen «Peregrini» an.
Martin Alioth, Dublin

«Es war wie eine Berufsarmee, die ausschliesslich aus Offizieren besteht», stellt der Priester Hugh MacMahon fest, der Leiter des Dachverbandes der irischen Missionen. MacMahon, der über 70 Jahre alt sein muss, ist erst vor wenigen Monaten nach Dublin zurückgekehrt. Er diente fast dreissig Jahre in Korea als «Columban Missionary», anschliessend 17 Jahre in Hongkong und China. Sein militärischer Vergleich bezieht sich auf die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als über 7000 irische Männer und Frauen in Übersee in den Missionen dienten. Das war rein quantitativ der Höhepunkt; damals waren die meisten irischen Missionare Priester, heute ist der Laien-Anteil grösser. Gemessen an seiner Bevölkerung stellte Irland das grösste Kontingent der katholischen Missionare, ja selbst in absoluten Zahlen gehörte es damals zur Spitzengruppe. Inzwischen ist diese Zahl auf rund zweieinhalbtausend geschrumpft, das Durchschnittsalter liegt über 65 Jahren. Das Ende ist absehbar.

Die Betreuung der Diaspora

Irland war in der frühen Neuzeit selbst ein Missionsland gewesen: Die englischen «Penal Laws» verboten die Ausübung des katholischen Glaubens und diskriminierten die Katholiken schamlos. Für ihre Ausbildung mussten irische Priester katholische Seminarien im restlichen Europa besuchen. Das änderte sich erst mit der Gründung des irischen Priesterseminars in Maynooth 1795 und der Emanzipations-Akte von 1829. Doch für die katholische Kirche Irlands gab es zunächst dringendere Sorgen als das Seelenheil von fernen Eingeborenen. Schon früh, 1842, wurde das Priesterseminar All Hallows in Dublin gegründet, das Priester für die riesige irische Diaspora ausbildete. Nach der Hungersnot der späten 1840er Jahre und der damit verbundenen Emigrationswelle wuchs dieses Bedürfnis sprunghaft. Denn Irland war und ist im englischsprachigen Raum das bedeutendste katholische Land. Und so «belieferte» Irland seine Diaspora in den Vereinigten Staaten, Kanada, Neufundland, Argentinien, Australien, England und Schottland mit Priestern. Parallel dazu gründeten irische Orden Schulen, Waisenhäuser und Spitäler. Dieser Umstand erklärt, weshalb bis heute Bischöfe und Kardinäle in diesen Ländern oftmals irische Namen tragen. Es erklärt wohl auch, warum weltweit so viele irische Namen in Missbrauchsskandalen figurieren.

Französische Ursprünge

Der Motor der katholischen Mission im 19. Jahrhundert lag in Frankreich. Beflügelt vom Erfolg protestantischer Missionare am Ende des 18. Jahrhunderts und angefeuert von Chateaubriands romantischem Werk «Le génie du Christianisme», entdeckte das katholische Frankreich eine Aufgabe. Die Restauration der Monarchie und die Ausdehnung des Kolonialreiches in Afrika ab 1830 schufen ein dankbares Umfeld für die Mission. Auf der Suche nach englischsprechenden katholischen Priestern dehnten sich die neuen französischen Organisationen nach Irland aus. Bald schon spendeten die verarmten Iren mehr als Deutschland, die Vereinigten Staaten oder Spanien.

Doch die katholischen Bischöfe Irlands sträubten sich lange gegen das Missionsprojekt. Zum einen, weil sie dringendere Bedürfnisse hatten, zum anderen, weil sie den französischen Katholiken unterstellten, allzu bereitwillig vor den revolutionären Jakobinern kapituliert zu haben. Die Gründung des Seminars in Maynooth sollte ja aus britischer Sicht verhindern, dass irische Priester revolutionäres Gedankengut einschleppten.

Ab 1860 bildeten französische Orden irische Missionare in Irland aus. Die heutigen Privatschulen Blackrock und Rockwell führen ihre Ursprünge auf diese Experimente der Heiliggeist-Väter zurück. Doch die Ergebnisse blieben bescheiden. Der Schweizer Priester Joseph Zimmermann warb am Ende des 19. Jahrhunderts erfolgreich bei den irischen Bischöfen um eigene, irische Missions-Orden, doch er selbst sah die Früchte seiner Bemühungen nicht mehr.

Nation und Mission

Zeitgleich mit der irischen Oster-Rebellion 1916 wurde in Maynooth die St. Columban’s Foreign Missions Society gegründet. Edmund M. Horgan, der Autor des Standardwerks über die irische Mission der Neuzeit, bezeichnet das als «Wasserscheide». Plötzlich gab es keine Rekrutierungsprobleme mehr. Der Bedarf der Iren selbst und ihrer Diaspora an Priestern war gestillt, der Idealismus der Oster-Rebellen schien ansteckend. Zudem hatte die kulturelle Renaissance der vorangehenden Jahrzehnte die Erinnerung an Irlands missionarische Traditionen geweckt.

Irische Missionare hatten ja im Frühmittelalter, nach dem Kollaps des Weströmischen Reiches, das Christentum exportiert: zuerst nach Schottland und Nordengland, dann nach Frankreich, Süddeutschland, in die Schweiz und nach Österreich. Columbanus der Jüngere, der Luxeuil und Bobbio gründete, war einer der prominentesten unter diesen «Peregrini». Das letztjährige Jubiläum für Columbans Gefährten Gallus erinnerte an diese Spuren. Nach einer Hochblüte im 7. und 8. Jahrhundert, von dem Meisterwerke wie das «Book of Kells» noch zeugen, gab es im 12. Jahrhundert eine neuerliche irische Hochkonjunktur im süddeutschen Raum, die von Marianus Scotus in Regensburg ausging. Die Iren wurden damals als Scotti bezeichnet; deshalb die verbreiteten Schotten-Klöster. So fallen die Ursprünge der irischen Eigenstaatlichkeit mit den Anfängen eigener Missions-Orden zusammen. Im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils und der politischen Gedankenwelt der späten sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts veränderte auch die irische Mission ihr Gesicht. Der emeritierte Missionar Hugh MacMahon gehört exakt zu dieser Generation. Vorher, sagt er, «zogen die Missionare aus, um eine Kirche zu gründen». Etwas abschätzig kennzeichnet er diese Tätigkeit als regelgebunden. Da habe es, sagt er sinngemäss, eine Schablone gegeben, der die Missionare folgten. Es habe nur ausnahmsweise eine Vertiefung in die Kultur des Gastlandes gegeben, die spirituelle Dimension sei geringgeschätzt worden. «Niemand fragte: Warum?», stellt er fest. Der Sinngehalt der Mission sei fragwürdig geworden.

Vielleicht stürzten sich die Missionare gerade deshalb so begierig auf die sozialen und politischen Missstände, denen sie begegneten. Die damalige Befreiungstheologie lieferte ihnen eine intellektuelle Basis. Und vielleicht – das ist nicht MacMahons Aussage – lockten die Missionen jener Zeit besonders viele Kandidaten an, die ob der ritualisierten, verkrusteten und autoritären Kirche in Irland verzweifelten.

MacMahon, der älter aussieht, als er ist, wird deutlich: Er weigere sich, als «römisch-katholisch» tituliert zu werden. Die «Romanisierung» der irischen Kirche (die im 12. Jahrhundert begann) dauere bis heute an. Dabei gehe es stets um Kontrolle und Macht. Er sei ein «irischer» oder ein «universaler» Katholik. Die Kirche unterdrücke zu ihrem Schaden lokale Andersartigkeiten: China – das ihm sichtlich am Herzen liegt – habe der Welt viel zu bieten.

Er lehnt daher die ursprüngliche Rechtfertigung der Mission, die Rettung heidnischer Seelen, herzhaft ab. Seiner Ansicht nach wird die Mission nicht durch die Errichtung von Pfarreien und Diözesen gerechtfertigt, sondern durch die Verkündigung der spirituellen Botschaft. Zu diesem Zweck empfiehlt er eine Rückbesinnung auf die keltische Phase seiner Kirche, wie er es nennt, also auf die Missionen des Frühmittelalters. «Dort liegt unsere Botschaft.» Eine persönliche Erfahrung sei gestattet: Als der Schreibende 1984 von der konservativen Schweiz ins konservative Irland auswanderte, war er verblüfft über radikale Reden des damaligen irischen Aussenministers. Peter Barry, ein Sprössling der merkantilen Aristokratie von Cork, wetterte vor der Uno gegen die Vereinigten Staaten. Er kritisierte allerdings nicht den damals umstrittenen Nato-Doppelbeschluss, sondern die Verminung nicaraguanischer Häfen durch die USA. Das war erklärungsbedürftig.

Dialektik

MacMahon bestätigt, dass damals jede irische Familie, direkt oder indirekt, Kontakte zu einem Missionar hatte. Horgan, der Buchautor, führt die irischen Sympathien für die Dritte Welt ausdrücklich auf die Dialektik zwischen den individuellen Erfahrungen der Missionare und der Wahrnehmung des irischen Publikums zurück. Horgan tritt damit dem Vorwurf entgegen, die irischen Missionare seien koloniale Büttel gewesen. Seine Argumente sind überzeugend: Zum einen kamen die Iren zu spät, zum anderen waren sie aus eigener, leidvoller Erfahrung gefeit gegen die Propagierung einer Herrenrasse. Die irische Öffentlichkeit war somit nicht auf die in den Medien verbreitete, vorherrschende Meinung angewiesen, sondern hatte eigene, zuverlässige Quellen. Das hatte Tradition: Roger Casement, der irische Protestant, der erfolglos deutsche Waffen für die Oster-Rebellen schmuggeln wollte, hatte die grauenhaften Praktiken in den Gummi-Plantagen in Kongo und Amazonien blossgestellt und Joseph Conrad zu seiner Novelle «Das Herz der Finsternis» inspiriert.

Die irische Mission war nie intellektuell. MacMahon wird explizit: «Dem System zum Trotz hatten diese Missionare ein menschliches Einfühlungsvermögen gegenüber der lokalen Bevölkerung.» Er kritisiert die mangelnde Ausbildung in lokalen Sprachen und Bräuchen, lobt aber die menschliche Wärme, die dem irischen Priester einen unvergleichlichen Status in der Gesellschaft verliehen habe. Deshalb, so meint er, habe die katholische Kirche in Irland inzwischen zwar einen schlechten Ruf, aber die Missionare nicht. Aus dem 19. Jahrhundert sind französische Kritiker überliefert, die scharf mit ihren irischen Kollegen ins Gericht gehen. Deren Lebensfreude und Bodenhaftung war ihnen ein Dorn im Auge. Vermutlich war das ihr Erfolgsgeheimnis.

Dem irischen Fernsehen gebührt an dieser Stelle ein Lorbeerkranz. Die Dokumentarserie «Radharc» schilderte seit 1962 kritisch die Zustände in der Dritten Welt. Dabei konnte der nationale Sender kostengünstig auf das Netz der Missionare zurückgreifen. Die Auslandberichterstattung war damals sehr lückenhaft, aber die regelmässigen Einblicke in die realen Zustände ausserhalb Europas prägten die irische Öffentlichkeit. Als Bob Geldof 1985 «Live Aid» lancierte, spendeten die Iren – auch damals in desolaten wirtschaftlichen Umständen – pro Kopf weltweit am meisten. Vor wenigen Wochen strahlte derselbe Sender eine Dokumentation über drei irische Missionare aus, zwei ältere Männer und eine ältere Frau. Der Titel des Beitrags, «Lifers», erinnerte an lebenslängliche Sträflinge. Der Zuschauer indessen konnte sich am Ende den Gedanken nicht verkneifen, dass deren Leben der Spezies Mensch zur Genugtuung verhelfe. Die Mission, so scheint es, dient nur noch in den seltensten Fällen der Rettung verlorener Seelen. Sie ist zum sozialkritischen Stachel im Fleisch autoritärer Regime geworden, ungeachtet der unverändert reaktionären Einstellung Roms.

Edmund M. Horgan: The Irish Missionary Movement –A Historical Survey 1830–1980. Gill and Macmillan, Dublin und The Catholic University of America Press, Washington D. C. 1990.

 

Auf Sendung – Mission im Wandel

«Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern» – unter dieser Prämisse sind über Jahrhunderte hinweg christliche Missionare in alle Welt ausgezogen. Sie tun es noch heute, unter ganz anderen Voraussetzungen. Unsere Korrespondenten stellen das Wirken von «Gesandten» in loser Folge vor.

www.nzz.ch/dossiers

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auf-columbans-spuren-1.18016492


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