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Polizei nutzt Tränengas und Schlagstöcke: Zwölfjähriger tot, 18jähriger im Koma! Unruhen in Kaschmir Gewaltausbrüche fordern immer mehr Opfer – Wie helfen wir den Menschen in Kaschmir aus der jahrzehntelangen Gewaltspirale herauszukommen? Angesichts der Atomwaffen in Indien und Pakistan besteht hier zudem immer das Risiko einer atomaren Eskalation!

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File:Kaschmir umstrittene Gebiete.PNG

Unruhen in Kaschmir

Gewaltausbrüche fordern immer mehr Opfer

International Heute, 11:08

(apd) Die andauernden Gewaltausbrüche im nordindischen Kaschmir haben ein weiteres Menschenleben gefordert. Ein zwölf Jahre alter Junge starb nach Angaben der Ärzte am Montag in einem Krankenhaus in Srinigar. Ein 18-Jähriger werde künstlich am Leben erhalten. Trotz Ausgangssperre waren am Wochenende im von Indien kontrollierten Teil Kaschmirs Unruhen ausgebrochen. Hunderte von Personen waren auf die Strassen geströmt, um ihrem Ärger über die Hinrichtung eines Kaschmiri in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi Luft zu machen. Am Montag wurde mit weiteren Gewaltausbrüchen gerechnet.

Der wegen des Anschlags auf das indische Parlament im Jahr 2001 zum Tode verurteilte Mohammed Afzal Guru war am Samstagmorgen überraschend gehenkt worden. Aus Angst vor Unruhen haben die Behörden bis auf weiteres eine strikte Ausgangssperre für weite Teile von Jammu und Kaschmir verhängt. Zehntausende von Sicherheitskräften waren am Wochenende im Einsatz. Berichten zufolge gingen sie mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die Menge vor. Ein Mann starb am Sonntag auf der Flucht vor den Sicherheitskräften. Es gab mehrere Verletzte.

Der Kaschmir-Konflikt besteht seit der Gründung von Indien und Pakistan zwischen den beiden Staaten. Es geht dabei um die Grenzregion Kaschmir, auf die beide Staaten Gebietsanspruch erheben.

Er begann mit der Unabhängigkeit der beiden Länder. Hari Singh, der damalige Maharaja von Kaschmir, betrieb den Anschluss der Region an Indien, während die zu 80 Prozent muslimische Bevölkerung zu einem Anschluss an Pakistan tendierte.

1948, 1965 und 1971 wurden zwischen Pakistan und Indien bereits Kriege geführt. Seit 1999 gibt es wieder kleinere Scharmützel zwischen beiden Ländern, die inzwischen beide auch über Atomwaffen verfügen, weshalb dieser Konflikt eine besondere weltpolitische Brisanz erhält. Die Vereinten Nationen unterhalten seit 1949 eine Beobachtermission (UNMOGIP) im Grenzgebiet.

Inhaltsverzeichnis

Die geschichtlichen und politischen Hintergründe des Kaschmirkonflikts

Die Kolonialisierung der Briten

Im 13. Jh. wurde der indische Subkontinent vom Islam erobert. Ein Viertel der Bevölkerung wurde zum islamischen Glauben bekehrt. Nach dem Eintreffen der europäischen Kolonialmächte wurde diesen zuerst kaum Beachtung geschenkt, so dass es für sie ein Leichtes war, eine Territorialherrschaft zu errichten. Die Muslime verloren dabei die Vorherrschaft und Einfluss in Indien. Der Hinduismus dagegen wurde davon kaum betroffen, da es kein hinduistisches Zentrum gab. Im 19. Jh. begannen christliche Missionare mit der Gründung von Kirchen und Bildungsstätten. Die Hindus sahen darin eine Art Glaubensprüfung. Dadurch entstand der philosophisch begründete Neo-Hinduismus oder indische Nationalismus. Volkszählungen in den Jahren 1871 und 1881 ergaben, dass die Muslime in der Minderheit waren.

Weil nach einer Volksabstimmung die Muslime klar benachteiligt wären, wurden separate Wählerschaften gebildet. Nach der Morley-Minto-Reform 1909, die eine Art „kastrierten“ Parlamentarismus zur Folge hatte, waren die separaten Wählerschaften für Muslime noch kaum von Bedeutung. Die weitere politische Entwicklung und der Interessenseparatismus, der durch die Wählerschaften entstand, waren dann schließlich auch der Auftakt zur späteren Teilung des Landes. Nach der Montagu-Chelmsford-Reform gab es eine neue Form der Provinzregierung in der sich britische Beamte und indische Minister die Regierungsverantwortung teilten. Das funktionierte nicht lange und wurde beim nächsten Reformschritt schnell korrigiert. Danach wurden in der Provinzregierung nur noch indische Minister eingesetzt. Die Exekutive bestehend aus Vizekönig und Rat war von da an unabsetzbar. Die separaten Wählerschaften waren nun noch störender, da sie in Regionen mit muslimischer Mehrheit gar keinen Sinn hatten.

Die Zwei-Nationen-Theorie

Nur ein beschränkter Teil der Bevölkerung hatte ein Wahlrecht. 1936/37 wurden Wahlen nach dem Mehrheitswahlrecht durchgeführt, obwohl in dieser Situation ein Verhältniswahlrecht sinnvoller gewesen wäre, denn die Muslime waren eine klare Minderheit. Trotz der separaten Wählerschaften fielen die Wahlen für die Muslim-Liga unerwartet schlecht aus. Es kamen Forderungen nach einer „muslimischen Nation“ auf. Der politische Führer der beiden Provinzen Bengalen und Punjab, Jinnah, stellte die Zwei-Nationen-Theorie auf und verkündete diese im März 1940. Sie besagt, dass Muslime und Hindus auf Grund ihrer unterschiedlichen Religionen nicht im selben Staat leben können. Im August 1947 erhielten die beiden Staaten Indien und Pakistan ihre Unabhängigkeit. Pakistan erhielt Distrikte der beiden Provinzen mit muslimischer Mehrheit. Durch das Gebiet Kaschmir wurde eine sog. „Trennungslinie“ gezogen. Diese Teilungslinie durchschnitt ungünstigerweise genau das Siedlungsgebiet der Sikhs. Außerdem hatte die Trennung eine Flucht der Minderheiten zur Folge.

Nach der Trennung fand ein „Machttransfer“ der Briten an Pakistan und Indien statt. Es kam zu einer geschickten Verteilung zeremonieller Privilegien. Die Briten wollten einen Bundesstaat schaffen, in dem ein konservatives Gegengewicht durch Fürsten zu den indischen Nationalisten hergestellt werden sollte. Das Problem bestand darin, dass eine Mitgliedschaft der Fürsten zusätzliche Kosten bedeutet hätte, da Privatschatulle und Staatsfinanzen in den Fürstentümern vielfach nicht streng getrennt wurden. Außerdem gab es keine ausreichende Demokratisierung. Der Bundesstaat konnte nur zustande kommen, wenn sich mindestens die Hälfte der Fürsten zum Beitritt bereit erklärt hätte. Dazu kam es aber nicht. Die Machtposition, die dem Bundesstaat zugedacht war, fiel dem Vizekönig zu. Dieser konnte autokratischer regieren als je zuvor. Schließlich kam es zur Mediatisierung, also dem Abzug der britischen Streitmacht. Die Fürstenstaaten konnten ihre Eigenständigkeit kaum mehr bewahren und schlossen sich Indien an um die Rechte und Apanagen zu sichern.

Die Integration der Fürstenstaaten war fast ausschließlich zum Problem Indiens geworden. Die Lage in Jammu und Kaschmir war besonders kompliziert, da dort ein Hindufürst u.a. über Muslimuntertanen herrschte. Der Staat grenzte nicht nur an Indien und Pakistan, sondern auch an Afghanistan und China. Aus diesem Grund konnte der Hindufürst die Unabhängigkeit wählen, ohne den Druck von pakistanischer oder indischer Seiten befürchten zu müssen. Die „National Conference“ Kaschmirs, die mehrheitlich aus Muslimen bestand, äußerte sich ebenfalls gegen einen Anschluss an Pakistan. Daraufhin entsandte Pakistan Freischärler, die später von regulären pakistanischen Truppen unterstützt wurden. Als pakistanische Invasoren der Hauptstadt Srinagar immer näher kamen, bat der Maharaja von Jammu und Kaschmir, Hari Singh, Indien um Hilfe. Indien bot ihm diese unter der Bedingung, Indien beizutreten, an. Als der Maharaja dem Beitritt zu Indien zugestimmt hatte, sandte Indien ein großes Aufgebot an Truppen nach Kaschmir. Es kam zu einem raschen Sieg der indischen Truppen.

Die Kriege um Kaschmir

Die indischen Kampfhandlungen in Kaschmir begannen am 27. Oktober 1947 (Erster Indisch-Pakistanischer Krieg). Die Aufgabe der indischen Armee war, die pakistanischen Invasoren aus dem Tal von Kaschmir zu vertreiben. Diese zogen sich dann bis Muzaffarpur zurück, wo Azad Kashmir (freies Kaschmir) ausgerufen wurde. Die „Northern Territories“ gehörten damals nicht zu Azad Kaschmir, sondern zu Pakistan. Lord Mountbatten wollte für eine Übergangszeit Generalgouverneur beider Nachfolgestaaten werden. Jinnah durchkreuzte jedoch diesen Plan. Da er in Pakistan den Posten des Generalgouverneurs wählte, beherrschte er seinen Staat mit Hilfe von Armee und Bürokratie. Anfang 1948 wurde die UNCIP (United Nations Commission for India and Pakistan) gegründet. Diese strebte eine politische Lösung, mit einer Volksabstimmung als Ziel an. Die indische Armee eroberte im Mai 1948 Kargil und stieß 80 km weiter vor bis an einen Punkt, der später der Endpunkt der Waffenstillstandslinie werden sollte. Das Waffenstillstandsabkommen (Karachi Agreement) wurde am 27. Juli 1949 abgeschlossen, welches unzureichend war, da die Waffenstillstandslinie nicht exakt festgelegt wurde. Nur in den Gebieten, die umkämpft waren existierte die Waffenstillstandslinie, nicht jedoch im nördlich gelegenen Hochland. Die Grenze wurde in etwa über den Siachen-Gletscher festgelegt. Nach 1949 gab es eine längere Zeit des Waffenstillstands.

Pakistan ist seit 1954 ein Paktpartner des Westens, um sich vor Indien zu schützen. Nachdem Indien 1962 im Grenzkrieg mit China eine Niederlage erlitten hatte, schloss Pakistan ein Bündnis und einen Grenzvertrag mit China ab. Ab 1962 begann Indien aufzurüsten, weswegen Pakistan Indien den Krieg erklärte (Zweiter Indisch-Pakistanischer Krieg ). Muhammed Ayub Khan griff am 1. September 1965 die einzige Verbindung nach Kaschmir an. Indien ging als Sieger hervor und am 26. September 1965 wurde der Waffenstillstand ausgerufen.

Der Krieg 1971 (Dritter Indisch-Pakistanischer Krieg, auch Bangladesch-Krieg), der mit einer Kapitulation Pakistans endete, hat Kaschmir zuerst nicht betroffen. Im Shimla-Abkommen von 1972 wurde die Waffenstillstandslinie in Line of Control umbenannt.

Sheikh Abdullah – Der Löwe von Kaschmir

Sheikh Abdullah wollte ein unabhängiges Kaschmir, das ein säkularer, sozialistischer Staat sein sollte. Er setzte die Bodenreform um und kam so in einen Konflikt mit dem Maharaja. Indien bemühte sich für die schrittweise Eingliederung von Kaschmir. Kaschmir hatte die Oberhoheit über Außenpolitik, Verteidigung und Kommunikation an Indien abgetreten, ansonsten blieb es autonom. Im Juli 1952 wurde mit dem Delhi-Abkommen diese Autonomie bekräftigt und Kaschmir bekam eine eigene Flagge. S. Abdullah wollte weiterhin einen völlig unabhängigen Staat, weswegen Indien misstrauisch wurde und ihn ins Gefängnis steckte. Er kam zwar wieder frei, wurde aber wegen seiner Forderung, eine Volksabstimmung durchzuführen, bald wieder inhaftiert. Er wurde dann 1968 freigelassen, durfte aber nicht an den Wahlen 1972 teilnehmen, die er aller Wahrscheinlichkeit nach gewonnen hätte. Die „Plebiscite Front“, die sich für Volksabstimmungen einsetzte, wurde jedoch wieder zugelassen.

Das Abkommen mit Indira Gandhi, der „Kashmir Accord“ war eine Art Kapitulation für ihn. Es gab nun keine Neuwahlen mehr in Kaschmir und er wurde auf Befehl Indira Gandhis eingesetzt und war ihr somit unterstellt. Indira Gandhi ließ 1975 in Indien den Notstand ausrufen und regierte mit diktatorischen Vollmachten, was 1977 zu ihrer Wahlniederlage führte. Es kam zu Neuwahlen in Kaschmir und Jammu in denen Sheikh Abdullah als Sieger hervorging und hiermit demokratisch legitimierter Ministerpräsident war. 1980 kehrte Indira Gandhi wieder an die Macht zurück. In Kaschmir war die junge Generation Muslime enttäuscht, da kaum Arbeitsplätze vorhanden waren. Ein Drittel des Staatsdienstes war durch kaschmirische Pandits besetzt. Es kam zu Pogromen, die dazu führten, dass die meisten Hindus aus dem Tal Kaschmir fliehen mussten, Diese Pogrome wurden vom islamischen Fanatismus angetrieben. Die Region wurde zu einem „Pulverfass“, dessen Explosion der Sheikh Abdullah noch eine Zeit lang zu verhindern vermochte.

Spannungsfelder in und um Kaschmir

Farooq Abdullah wurde der Nachfolger seines Vaters, Sheikh Abdullah, der gestorben war. Er suchte Bundesgenossen um Autonomie in Jammu und Kaschmir zu verteidigen. Außerdem pflegte er Kontakte zu Terroristen. Indira Gandhi sann darauf Farooq Abdullah zu stürzen. Sie sagte ihm dies und dieser stellte gleich darauf einen Vertrauensantrag im Landtag und erhielt eine solide Mehrheit. Ein weiteres Problem für sie war, dass radikale Sikhs einen eigenen Bundesstaat haben wollten. Indira Gandhi ersetzte Nehru mit Jagmohan, der Farooq Abdullah stürzte. Darauf wurde sie im Oktober 1984 von Sikhs aus Rache ermordet. Ihr Nachfolger wurde Rajiv Gandhi. Es kam zu Neuwahlen durch die Farooq Abdullah wieder an die Macht kam. Die Wahlen in Jammu und Kaschmir waren eine abgekartete Sache. Die „National Conference“ ging als Gewinner und die „Muslim United Front (MUF)“ als Verlierer aus den Wahlen hervor. Die MUF bildete darauf die „außerparlamentarische Opposition“, aus welcher dann später die HUM, eine Terroristenvereinigung hervorgeht.

Rajiv Gandhi hatte 1989 die Wahlen verloren. Dadurch konnte Vishwanath Pratap Singh Premierminister werden. Es kam dann zur Entführung der Tochter Sayeeds durch Terroristen, was einen härteren Kurs der Regierung zur Folge hatte. Jagmohan wurde als Gouverneur nach Srinagar entsandt. Farooq Abdullah trat deswegen zurück. Bald danach kam es zu einem blutigen Massaker, bei welchen Sicherheitskräfte auf Demonstranten schossen. Hiermit hatte die Zeit des Staatsterrors und der mörderischen Militanz der Rebellen begonnen. Jagmohan glaubte, die Pandits retten zu müssen, da er Angst hatte vor Pogromen, und führte eine riesige Evakuierung durch. Einige Pandits blieben jedoch.

Nach der sowjetischen Invasion Afghanistans lichteten sich die Reihen der Rebellen nicht, da es immer noch einen ständigen Zustrom an islamischen Glaubenskämpfern gab. Nach dem Rückzug der Sowjetunion aus Afghanistan wurden diese dort nicht mehr gebraucht. Die ISI (Inter-Services Intelligence) wurde durch den pakistanischen Präsidenten Zia gegründet. Sie war zum einen ein effizierter militärischer Abschirmdienst, zum andern für den Einsatz und die Rüstung islamischer Glaubenskrieger zuständig. Die ISI verfolgte eine eigene Politik und wurde zu einem großen Teil durch amerikanische Gelder finanziert. Außerdem lockte Zia eine große Zahl von Taliban ins Land. Die Direktoren fanden in den jungen afghanischen Flüchtlingen gute Rekruten.

Beide Parteien beanspruchten den gesamten Siachengletscher. Seit 1984 kommt es dort stets zu Kämpfen. Eigentlich geht es bei diesem Kampf nicht um den Gletscher, sondern um den Zugang zum südlichen Karakorum-Pass. Indien hatte im Krieg zwischen 1959 und 1962 einen Teil des Staates Jammu und Kaschmir an China verloren. Deswegen wurde der Karakorum-Pass überhaupt so wichtig, da er eine wichtige Handelsverbindung zwischen Kaschmir und China wurde. In Kaschmir bildeten sich viele radikale Parteien und Terroristenorganisationen mit völlig verschiedenen Interessen aus. Einige wollte einen säkularen, unabhängigen Staat. Andere wie die HUM wollen einen islamischen Staat und sind bereit ihre Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Der Terror richtete sich auch gegen prominente Führer aus den eigenen Reihen. Vielfach waren die Opfer religiöse, fundamentalistische Führer, aber auch unter den „normalen“ Politikern gab es Opfer.

Indien setzte in der Folge immer mehr Sicherheitskräfte in Kaschmir ein. Das zeigte jedoch keinen Erfolg. 1985 wurde die „National Security Guard“, eine nationale Sicherheitswache gegründet. Sie umfasste etwa 7500 Spezialisten. Die Landespolizei arbeitete jedoch ungern mit von der indischen Regierung gesandten Sicherheitskräften zusammen, was auch untereinander zu kleineren Auseinandersetzungen führte. Die verhafteten Terroristen wurden gefoltert und häufig auch getötet. Dies stachelte den Zorn der Terroristen aber nur weiter an.

Nach 1989 kam eine Zeit schwacher indischer Regierungen. Auch Minderheitenregierungen wurden geduldet. Doch bereits 1991 war diese Duldung vorüber. Es kam zum Erfolg der Kongresspartei. Diese musste die inneren Probleme Indiens in den Griff kriegen, denn man stand aufgrund eines Zahlungsbilanzdefizit kurz vor dem Staatsbankrott. Die Kongresspartei beschloss die Liberalisierung der indischen Wirtschaft und die Abwertung der Währung, wie dies von der Weltbank gefordert wurde. Deswegen wurde in dieser Zeit zwischen 1989 und 1991 das Kaschmirproblem vernachlässigt. In Indien selber kam es zu Konflikten zwischen Hindu-Nationalisten und islamischen Fundamentalisten. Die Zerstörung einer Moschee führte dann schließlich zu Sprengstoffattentaten in Bombay.

Premierminister Narasimha von Kaschmir wurde 1993/94 durch „Überläufer“ gestärkt und erlangte so die Mehrheit im Parlament. Es wurden Neuwahlen angestrebt, doch diese wurden von Terroristen geraubt. 1996 kam doch noch zu Wahlen, die von der „National Conference“ gewonnen wurde. Es entstand auch eine „dritte Kraft“, die aus mehr als einem dutzend Regionalparteien bestand. Es handelte sich zwar um eine Minderheitsregierung, aber sie wurde vom Nationalkongress geduldet. Nun war die Gelegenheit gekommen für Farooq Abdullah wieder an die Macht zu kommen. Die Wahlen wurden von der „außerparlamentarischen Opposition“ boykottiert, welche immer noch ein Problem für ihn darstellten.

Die Konfrontation zweier Atommächte

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Indien verfolgte eine Politik der „nuklearen Ambiguität“. Niemand wusste genau, ob Indien im Besitz von Atomwaffen war. Das weltweite Erstaunen war umso größer, als Indien fünf Atomtests durchführte und damit an die Öffentlichkeit ging. Da US-Präsident Richard Nixon 1971 bereit war, auf Indien Atomwaffen abzusetzen und man wusste, dass er es nicht getan hätte, wenn Indien selbst Atomwaffen gehabt hätte, wurde das Atomprogramm von Indira Gandhi vorangetrieben. Pakistan sah diese Entwicklung und wurde von China mit der entsprechenden Technologie versorgt, die nötig war um Atomwaffen herzustellen. 1998 wurde die pakistanische Ghaurirakete getestet, worauf Indien seinerseits mit einer Testserie antwortete. Pakistan baute 1960 einen Forschungsreaktor, mit dem erste Schritte für den Bau einer Atombombe unternommen wurden. Bhutto wollte dadurch die Parität mit dem sonst übermächtigen Indien sichern. 1990 wurde von Pakistan offen erklärt, dass man die Atombombe hatte. Die Theorie der gegenseitigen Abschreckungen gilt in Südasien nicht. Vor allem Pakistan ist bereit einen nuklearen Erstschlag zu führen, wenn es sich von Indien bedroht fühlt. Da die Situation zwischen den Atommächten sich immer weiter zuspitzte, ging Vaypayee zu einer Friedensoffensive über. Es kam zu einem Treffen in Lahore, wo dieser demonstrativ Sharif umarmte. Das nützte jedoch kaum etwas, denn kurz darauf folgte der Angriff auf Kargil; dies enttäuschte Vaypayee sehr. Neue Gespräche kosteten ihn von da an große Überwindung.

Der Konflikt um Kargil

Hauptartikel: Kargil-Krieg (Vierter Indisch-Pakistanischer Krieg)

Die Operation im Raum Kargil wurde unter Zia ausgearbeitet. Sharif billigte im November 1998 den Plan von Musharraf. Die pakistanischen Kommandos besetzten die Höhenzüge. Auf der indischen Seite merkte man davon vorerst nichts. Erst als ihre Stellungen unter Artilleriebeschuss genommen wurden, merkte man dort, dass es sich um einen Großangriff handelte. Der Gegenschlag war umso energischer. Im Juni 1999 eroberten die indischen Truppen fast alle besetzten Gebiete zurück. US-Präsident Bill Clinton wollte vermitteln. Vajpayee nahm an und nach einigem Zögern auch Sharif. Er wurde von Clinton in Washington empfangen, was Sharif als Erfolg wertete, da er eine „Internationalisierung“ des Konfliktes erreicht hatte. Sharif wollte sich Musharrafs entledigen, doch dieser gewann die Oberhand und entledigte sich des Premierministers elegant. Er ließ ihn strafrechtlich verfolgen und drängte ihn ins Exil. Er übernahm erst später das Amt des Präsidenten und lässt erst nach 5 Jahren Wahlen durchführen. So sicherte er sich eine nahezu unanfechtbare Machtposition.

Die Krieg-in-Sicht-Krise

Den Auftakt zu dieser Krise bildete ein Terroranschlag auf das indische Parlament. (Hinter diesem Anschlag wird nicht die pakistanische Regierung vermutet.) Er diente allerdings dazu, einen Keil zwischen beide Länder zu treiben. Doch der Erfolg wurde im letzten Moment vereitelt. Trotzdem marschierten indische Truppen an die Grenze Pakistans auf. Musharraf sah sich bedroht und musste darauf bedacht sein einen Konflikt mit Indien zu de-eskalieren. Darauf folgte eine Friedensoffensive. An der Gipfelkonferenz (SAARC) Anfang 2002 schüttelte Musharraf Vajpayee demonstrativ die Hand. Die Spannungen waren vorübergehend reduziert. Doch Mitte Mai folgte ein Terroranschlag auf eine kleine indische Garnison. Vajpayee blieb besonnen. Seit 1999 ist es in Kaschmir unter Farooq Abdullah verhältnismäßig ruhig. Omar Abdullah wurde Staatsminister im indischen Außenministerium. Die Popularität Musharrafs nahm ab und die Fundamentalisten wollten ihn sogar umbringen. Deswegen führte er einige Raketentestflüge durch. Diese dienten v. a. als interne Machtdemostration. Trotzdem waren Indien, die USA und die westlichen Mächte schockiert über diese Provokation.

In den letzten Jahren kamen scharenweise Vermittler nach Indien und Pakistan. Diese internationale Aufmerksamkeit kam Musharraf zugute. Der Höhepunkt war das asiatische Gipfeltreffen in Almaty. Niemand könnte etwas für Indien tun, außer den USA. Indien gestand schließlich den USA eine diplomatische Rolle bei der Lösung des Kaschmirkonflikts zu, ließ sie aber nicht die Rolle des Vermittlers übernehmen.

Literatur

  • Rudolf Geiger: Die Kaschmirfrage im Lichte des Völkerrechts. Duncker & Humblot, Berlin 1970.
  • Rudolf Geiger: Kashmir. In: Rudolf Bernhardt u. a. (Hrsg.): Encyclopedia of Public International Law. Band 12, S. 195–200.
  • Patrick Hönig: Der Kaschmirkonflikt und das Recht der Völker auf Selbstbestimmung. Duncker & Humblot, Berlin 2000.
  • Mohammed Soeed Chaudry: Der Kaschmirkonflikt, seine Ursachen, sein Wesen sowie Rolle und Bemühungen der Vereinten Nationen. Weltforum Verlag, München 1996.
  • Sumit Ganguly: Conflict unending: India-Pakistan tensions since 1947. Columbia University Press, New York 2001.
  • Mushtaqur Rahman: Divided Kashmir: Old problems, new opportunities and for India, Pakistan and Kashmiri people. Lynne Rienner Publishers, London 1996.
  • Dietmar Rothermund: Krisenherd Kaschmir: Der Konflikt der Atommächte Indien und Pakistan. 2002.
  • Victoria Schofield: Kashmir in the crossfire. Tauris, London 1996.
  • Robert G. Wirsing: India, Pakistan and the Kashmir dispute: on regional conflict and ist resolutions. Saint Martin’s Press, New York NY 1994.
  • Hermann Kreutzmann: Streit um Kaschmir. In: Geografische Rundschau. Jg. 54, Nr. 3, 2002, S. 56–61.
  • N.N.: Autonomie, die letzte Chance für Kashmir. In: Neue Zürcher Zeitung. 21. Juli 2000, Zürich, S. 35–38.
  • N.N.: Gefährliche Eskalation im Kashmir-Konflikt. In: Neue Zürcher Zeitung. 4. Juni 1999, Zürich, S. 21–25.

Siehe auch

Weblinks

http://de.wikipedia.org/wiki/Kaschmir-Konflikt


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