Startseite » Uncategorized » Diese erstaunliche Stille Beobachtungen aus dem Athener Krisenalltag: Keine Treffen, keine Kommunikation und erstaunlicherweise – angesichts unserer Lebensbedingungen – auch keine politischen oder gewerkschaftlichen Aktivitäten und Kämpfe mehr. Wir sind mit dem alltäglichen Leben und Überleben derart ausgelastet, dass wir keinen Mut mehr haben, die Welt zu gestalten oder die Plätze im Stadtzentrum zu besetzen. Und wie soll das auch gehen, wenn man sich nicht mal mehr einen U-Bahn-Fahrschein leisten kann? Die Krise muss trotz aller gegenteiligen Behauptungen nicht unbedingt zu größerer Solidarität führen.

Diese erstaunliche Stille Beobachtungen aus dem Athener Krisenalltag: Keine Treffen, keine Kommunikation und erstaunlicherweise – angesichts unserer Lebensbedingungen – auch keine politischen oder gewerkschaftlichen Aktivitäten und Kämpfe mehr. Wir sind mit dem alltäglichen Leben und Überleben derart ausgelastet, dass wir keinen Mut mehr haben, die Welt zu gestalten oder die Plätze im Stadtzentrum zu besetzen. Und wie soll das auch gehen, wenn man sich nicht mal mehr einen U-Bahn-Fahrschein leisten kann? Die Krise muss trotz aller gegenteiligen Behauptungen nicht unbedingt zu größerer Solidarität führen.

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Diese erstaunliche Stille

Beobachtungen aus dem Athener Krisenalltag

von Panagiotis Grigoriou

Ende 2012. Um einen Cafétisch im Stadtzentrum sitzen Rentner, Arbeitslose und Leute, die noch Arbeit haben. Sie diskutieren über die Abstimmung, die in ein paar Tagen in ihrem Wohnblock ansteht: Müssen die Heizöltanks nachgefüllt werden? Soll die Gemeinschaftsheizung angestellt werden?

Rauchzeichen

Das sind im Augenblick die wichtigsten Fragen in Athen, wo sich die demokratischen Debatten weniger um den Schuldenstand als um die winterliche Kälte und die Heizölpreise drehen, die sich seit 2010 verdreifacht haben.

Ein Streit am Eingang eines Wohnhauses, schon der zweite heute. Christos, der neue Mieter im zweiten Stock, ist völlig außer sich. Er drückt seinen Flurnachbarn gegen die Wand: „Du weißt genau, dass ich keinen Cent mehr habe. Wenn ihr euch entscheidet, dieses Jahr die Tanks füllen zu lassen, müsst ihr die Kosten alleine tragen!“

In den Athener Wohnungen wird seit Winterbeginn gefroren. Wer Geld übrig hat, investiert es in eine neue Holzheizung. Das Jahresende hat sich buchstäblich in Rauch aufgelöst wie unsere Wälder. Und wer kein Holz hat, verbrennt Abfälle. Kürzlich mussten die Athener entdecken, dass manche der Holzpellets, die man ihnen verkauft und die angeblich aus Nadelholzsägespänen bestehen, giftige Substanzen aus der Müllpresse oder sogar organische Abfälle aus Krankenhäusern enthalten.

Über der Stadt hängt ständig dichter Smog. Meist bereut man es sofort, ein Fenster geöffnet zu haben. Rasch drückt der Rauch in die Wohnung und legt sich auf Wände, Fußböden und Nasenschleimhäute. „Haben Sie diese Wolke gesehen?“, fragen manche. „Das ist ja wie zu Zeiten unserer Großeltern.“

Altere Leute erinnern sich noch gut an die Zeit, als jedes Kind am Morgen nicht nur mit dem Schulranzen, sondern auch mit einem Holzscheit aus dem Haus ging. Die Pflicht zur „Heizbeteiligung“ wurde erst in den 1970er Jahren abgeschafft. Noch vor wenigen Jahren haben die Kinder zu Weihnachten oder Silvester auf der Straße oder vor den Geschäften die traditionellen „Kalanta“ gesungen, um sich ein Taschengeld zu verdienen. Heute brauchen sie das Geld, um das Heizöl für ihre Schule zu bezahlen, die sonst geschlossen bleiben müsste.

Im Dezember starben drei Kinder bei einem Brand im Haus ihrer Großeltern. Die Ursache des Unglücks war die frisch installierte Holzheizung.

Höflichkeit

In Griechenland werden die Teller nie leer gegessen. Das fällt den Fremden schon beim ersten Besuch auf. Zu Anfang wollen sie nicht unhöflich sein und essen die großzügigen Portionen, die man ihnen serviert, restlos auf – aber dann wird ihnen der Teller gleich wieder nachgefüllt.

Im Restaurant war es üblich, wenn schon alle satt sind, noch eine Runde Essen zu bestellen. Jeder nahm dann höchstens noch ein paar Bissen, aber es ging auch nur darum, nach dem Essen „einen schönen griechischen Tisch“ zu hinterlassen. Selbst dieser Usus ist mittlerweile Opfer der Krise geworden: Die Griechen bestellen nur noch, was sie tatsächlich verzehren; und sie haben gelernt, die Teller leer zu essen.

Im Zug

Der Zug ist überfüllt, wie so oft in den letzten beiden Jahren. In den Gängen und zwischen den Wagen stehen die Reisenden dicht gedrängt. Um das Zugrestaurant oder die Toilette zu erreichen, braucht man akrobatische und vor allem diplomatische Fähigkeiten. „Bald werden wir reisen wie in den indischen Zügen“, ruft eine Frau, die es nicht bis zur Toilette geschafft hat. Tönt eine andere Stimme: „Und außerdem werden wir eine chinesische Eisenbahngesellschaft haben!“

Die Fahrt von Athen nach Thessaloniki und zurück kostet bei rechtzeitiger Vorausbuchung 22 Euro. Mit dem Auto muss man für die 700 Kilometer mit 1,70 Euro pro Liter Benzin rechnen, wozu noch 20 Euro Mautgebühr kommen. Die Fahrt im Bus kostet 60 Euro. Also erträgt man das Gedränge, auch wenn einige es nicht aushalten, ohne den Schaffner zu beschimpfen: „Warum werden nicht mehr Wagen angehängt? Macht es Ihnen Spaß, uns wie Vieh durch die Gegend zu karren? Schließlich bezahlen wir Sie dafür, ja Sie!“

Der Schaffner erklärt: „Wir können die Züge aus technischen Gründen nicht verlängern. An manchen Stellen ist die Infrastruktur noch nicht so weit. Und natürlich werden wir bezahlt, aber wir rackern uns auch ab und kämpfen gegen die Privatisierung der Bahn. Das geschieht nur zu Ihrer Sicherheit, müssen Sie wissen! Und im Übrigen kriegen wir ja auch wirklich nicht viel Geld.“

Zwei junge Männer im hinteren Teil des Wagens, vermutlich Studenten, studieren die Rizospastis, die Zeitung der Kommunistischen Partei Griechenlands. Der Zug hält in Thiva, ein junger Mann steigt zu, der gleich eine lebhafte Diskussion anfängt: „Ihr seid auf dem falschen Dampfer, Jungs! Ich bin Patriot, ich habe kein Geld, ich bin arbeitslos, wie ihr vielleicht auch. Ihr habt nicht das Monopol aufs Proletariat, wir kümmern uns auch ums Volk und um die Armen, denn wir gehören dazu.“

Der Mann spricht offenbar von der Neonazipartei Chrysi Avgi: „Und sagt jetzt nicht, ich bin ein Faschist, das kann ich nicht mehr hören. Die Reichen erdrosseln uns und versklaven unser Vaterland. Da sind wir uns zumindest einig, oder?“ Gegenrede: „Nein, du liegst falsch. Du machst dir über Chrysi Avgi was vor. Das sind genau die Leute, die die Monopole und die ,Mächtigen‘ verteidigen, von denen du redest. Aber das siehst du eben nicht – oder noch nicht.“

Ernte

Milde ist ein Wort, das in Athen nur noch bei den Meteorologen – manchmal – vorkommt. Bei den jüngsten Unwettern fielen Oliven, Zitronen und Pomeranzen von den Bäumen am Straßenrand, in den Parks und auf den Plätzen. Eigentlich ist die Stadtverwaltung für diese Bäume zuständig, genauer das Straßenbauamt. Doch seit zwei Jahren ernten die Anwohner die Früchte. Daher der Zorn und die Trauer, wenn Wind oder Gewitter die Früchte verderben.

Gute Nachrichten

Zum Jahreswechsel wollen die Medien, vorweg das Fernsehen, für Feierstimmung sorgen. Manche Sender haben herausgefunden, dass die Leute von den immer dramatischeren Horrormeldungen die Nase voll haben, und versuchen deshalb, gute Nachrichten zu verbreiten. Zum Beispiel indem sie allen raten, doch besser eine „positive Haltung“ zu entwickeln und ihr Leben „selbst in die Hand zu nehmen“.

„Die Leute sind müde und enttäuscht, sie wissen nicht mehr, wie ihr Leben in Zukunft aussieht“, erläutert Jiannis Daras, Moderator der Sendung „Reservoir“, die den Hörern der Radiostation ERT „zwei glückliche Stunden“ verspricht. „Aber unter all dem Rost finden wir das Gold. Junge, brillante Köpfe und Wissenschaftler leisten solidarische Arbeit, die Menschen arbeiten zusammen, denken nach und erfinden Neues.“ Also „eine neue Gesellschaft“.(1)

Doch die Athener Einkaufszentren atmen Krisendunst. Auch das Kaufhaus der historischen Kooperative der Textilhändler in der Nähe der (nach dem Gott des Windes benannten) Aiolou-Straße hat der Sturm hinweggefegt. Es war nicht nur ein Geschäft, sondern auch ein Treffpunkt für die Händler aus Zentralgriechenland, die vor allem in den 1960er Jahren in die Hauptstadt gekommen waren. Sie trafen sich bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Ouzo in einem Saal, der eigentlich als Büro dienen sollte, tatsächlich aber in einen überdimensionalen Ausschank verwandelt worden war. Mit dem Kaufhaus verschwindet eine der letzten sichtbaren Spuren der innergriechischen Emigration aus Thessalien.

Weihnachten

Während die Geschäfte ihr weihnachtliches Sortiment präsentieren, wagt eine Bank eine Form von Werbung, die kulturell überholt ist. Vor den Filialen kommentieren die Passanten den offensichtlichen Widerspruch: „Ach sieh mal, die 100-Euro-Scheine auf diesem Foto! Einen echten hab ich vor zwei Jahren das letzte Mal gesehen. Die spinnen doch, diese Leute: Sie nehmen uns nicht nur aus, sie machen sich auch noch über uns lustig.“

Räume

Man geht weniger aus und reist weniger im Land herum als vor der Krise: Der Inlandstourismus ist zusammengebrochen. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2012 haben nach offizieller Statistik 42 Prozent weniger Griechen die Sehenswürdigkeiten ihres Landes besucht. An den Stränden werden wieder Kühlboxen benutzt. Die Presse zeigt sich begeistert von „dieser unerwarteten Rückkehr zur Einfachheit und frugalen Gastlichkeit“.

Auf den Straßen ist es ruhig geworden. Arbeitslosigkeit, Gehaltskürzungen, Steuererhöhungen, gestiegene Benzinpreise. Statt der knapp 5,18 Millionen Fahrzeuge, die 2010 auf den griechischen Straßen fuhren, sind heute 600 000 weniger unterwegs. Ihre Besitzer haben die Nummernschilder abgegeben und ihre Autos auf unbestimmte Zeit stillgelegt. Immer häufiger sieht man Leute, die an der Tankstelle einen Liter Benzin verlangen, um zu einer Hochzeit oder einer wichtigen Familienfeier zu fahren. Die Autobahnen sind oft leer, desgleichen die Landstraßen, und in den Städten, besonders in Athen, gibt es keine Staus mehr. Wenn die Leute sich noch ans Steuer setzen, dann fahren sie meist vorsichtig und viel langsamer. Daher diese erstaunliche Stille.

Die Zeit

Das Universum der Griechen gleicht inzwischen der Gefangenschaft in einer gnadenlosen Gegenwart. „Wir leben vom einen Tag auf den anderen, ohne langfristige Pläne“, hört man jeden Tag. Der Zeithorizont, jede Planung, man könnte auch sagen, jede Hoffnung, scheint in einer Gesellschaft, der die Krise die Zukunft geraubt hat, immer mehr dahinzuschwinden.

Man verzichtet nicht nur aufs Reisen, sondern auch aufs Ausgehen. Keine Treffen, keine Kommunikation und erstaunlicherweise – angesichts unserer Lebensbedingungen – auch keine politischen oder gewerkschaftlichen Aktivitäten und Kämpfe mehr. Wir sind mit dem alltäglichen Leben und Überleben derart ausgelastet, dass wir keinen Mut mehr haben, die Welt zu gestalten oder die Plätze im Stadtzentrum zu besetzen. Und wie soll das auch gehen, wenn man sich nicht mal mehr einen U-Bahn-Fahrschein leisten kann?

Thanos erzählt: „Als ich auf Jobsuche war, ist mir aufgefallen, dass zahlreiche Kollegen und Freunde, die noch Arbeit hatten, mir aus dem Weg gingen. Natürlich, weil sie Angst hatten, ich könnte sie um Geld bitten, aber vielleicht auch, weil sie selbst in Schwierigkeiten waren angesichts von Gehaltskürzungen, Verschuldung und nahender Depression.“ Seit dem ersten Memorandum(2 )sind die Gehälter um 45 Prozent gesunken – und das ist noch nicht das Ende. Das mag auch erklären, dass die Krise trotz aller gegenteiligen Behauptungen nicht unbedingt zu größerer Solidarität führen muss.

Manchmal braucht es radikale Mittel, um sich die Zeit wieder anzueignen. „Griechenland hatte im Vergleich zu anderen europäischen Ländern bis vor Kurzem eine sehr niedrige Selbstmordrate“, erläutert der Psychologe Aris Violatzis von der Organisation Klimaka, die eine Hotline für Suizidgefährdete betreibt. „Jetzt steigt hier die Selbstmordrate wie in keinem anderen Land der Welt. Selbstmord ist ein komplexes Phänomen, und die Ursachen rühren nicht allein von der Wirtschaftskrise. Aber die Welt, in der wir leben, hat einen Einfluss auf unser seelisches Befinden. 75 Prozent der Menschen, die bei uns anrufen, haben finanzielle Probleme, die sie in die Verzweiflung treiben. Sie sind verschuldet, sind arbeitslos, oder sie haben ihre Wohnung verloren.“(3) Etwa 3 000 Selbstmorde seit 2010 sind unmittelbar auf solche Schwierigkeiten zurückzuführen.

Fußnoten:
(1) „En Grèce, les médias se mettent en quête de bonnes nouvelles“, Agence France Presse, Paris, 28. Dezember 2012.
(2) Gemeint ist das im Mai 2010 unterzeichnete Abkommen, das Athen um seiner wirtschaftlichen „Rettung“ willen zur Sparpolitik zwingt.
(3) „En Grèce, la plus forte augmentation du nombre de suicides“, in: „L’Express, Paris, 6. April 2012.
Aus dem Französischen von Sabine Jainski
Panagiotis Grigoriou ist Ethnologe, Historiker und Blogger: www.greek-crisis.gr.

Le Monde diplomatique Nr. 10027 vom 8.2.2013, 340 Zeilen, Panagiotis Grigoriou

http://www.monde-diplomatique.de/pm/2013/02/08.mondeText1.artikel,a0062.idx,21


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