Startseite » Marsch für Flüchtlingsrechte » Flüchtlinge protestieren: Ein Aufschrei für mehr Menschlichkeit! In Berlin besetzen Flüchtlinge seit Wochen eine leere Schule und einen Park. Sie sind zu Fuß quer durch Deutschland marschiert, um gegen Sammellager und für das Recht auf Arbeit zu demonstrieren. Und dann kommt oft noch Isolation in – was Deutschland betrifft – Sammelunterkünften dazu, die meist am Rande von Städten, manchmal mitten im Wald, liegen. So sind Asylbewerber für die einheimische Bevölkerung unsichtbar, haben keine Chance auf Integration. Ich sehe das in Deutschland als staatliche Strategie. Bemerkenswert ist, dass die Bewegungen in Deutschland in jenen Bundesländern begannen, wo Asylbewerber keine Geld-, sondern Sachleistungen beziehen – etwa in Bayern. Das sind Menschen, die sich übergreifend Gedanken machen und Verbindung zur hiesigen Opposition suchen. Viele Flüchtlinge sind von daheim hoch politisiert. Flüchtlinge sollten in Städten und im Familienverband oder aber in kleinen Gruppen in ganz normalen Wohnungen leben – und zwar in gemischt in- und ausländischen Nachbarschaften

Flüchtlinge protestieren: Ein Aufschrei für mehr Menschlichkeit! In Berlin besetzen Flüchtlinge seit Wochen eine leere Schule und einen Park. Sie sind zu Fuß quer durch Deutschland marschiert, um gegen Sammellager und für das Recht auf Arbeit zu demonstrieren. Und dann kommt oft noch Isolation in – was Deutschland betrifft – Sammelunterkünften dazu, die meist am Rande von Städten, manchmal mitten im Wald, liegen. So sind Asylbewerber für die einheimische Bevölkerung unsichtbar, haben keine Chance auf Integration. Ich sehe das in Deutschland als staatliche Strategie. Bemerkenswert ist, dass die Bewegungen in Deutschland in jenen Bundesländern begannen, wo Asylbewerber keine Geld-, sondern Sachleistungen beziehen – etwa in Bayern. Das sind Menschen, die sich übergreifend Gedanken machen und Verbindung zur hiesigen Opposition suchen. Viele Flüchtlinge sind von daheim hoch politisiert. Flüchtlinge sollten in Städten und im Familienverband oder aber in kleinen Gruppen in ganz normalen Wohnungen leben – und zwar in gemischt in- und ausländischen Nachbarschaften

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Asyl: Ein Aufschrei für mehr Menschlichkeit

BIRGIT BAUMANN AUS BERLIN, 4. Februar 2013, 18:30
  • Zwei Wochen hielten die Flüchtlinge vor dem Brandenburger Tor aus, dann zogen sie nach Kreuzberg weiter.
    foto: apa/dpa/marc tirl

    Zwei Wochen hielten die Flüchtlinge vor dem Brandenburger Tor aus, dann zogen sie nach Kreuzberg weiter.


In Berlin besetzen Flüchtlinge seit Wochen eine leere Schule und einen Park. Sie sind zu Fuß quer durch Deutschland marschiert, um gegen Sammellager und für das Recht auf Arbeit zu demonstrieren

Der braune Morast ist überall. Keine Stelle gibt es am Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg, wo man trockenen Fußes stehen könnte. Geschickt balancieren Amir (32) und Pascal (38) eine große schwarze Mülltonne daher über einen Steg aus Holzpaletten.

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Auch wenn es regnet, der Müll muss weg. Es ist schon schwierig genug, das Camp aufrecht zu erhalten. Pascal, ein Berliner, müsste gar nicht in einem der Zelte hausen, die da im Park stehen. Doch er sagt: „Es ist meine Menschenpflicht, hier zu helfen.“

Amir hat ohnehin keinen anderen Platz. Er stammt aus dem Iran, ist dort mehrmals verhaftet worden und kam schließlich mit einem Studenten-Visum nach Deutschland. Längst ist dieses abgelaufen, aber Amir will in Deutschland bleiben und auch hier arbeiten. „Aber ich darf nicht, ich darf gar nichts. Das einzige, was ich machen kann, ist, diese Sache zu unterstützen.

Protestmarsch

„Diese Sache“ hat ihren Ursprung in Bayern. In Würzburg starteten am 8. September 50 Asylwerber ihren Protestmarsch. Einen Monat und 500 Kilometer später erreichten sie und 400 weitere Teilnehmer Berlin, wo sie zunächst ihr Camp vor dem Brandenburger Tor errichteten.

Einige von ihnen traten in Hungerstreik, um so ihre Forderungen zu verdeutlichen: Keine Unterbringung in Sammellagern, Aufhebung des Arbeits- und Ausbildungsverbotes sowie der Residenzpflicht. Diese besagt, dass Asylwerber den Landkreis nicht verlassen dürfen, in dem sie vom Staat untergebracht werden.

Nach zwei Wochen löste die Polizei das Camp auf. Doch niemand wollte den Protest aufgeben. Also zogen die Flüchtlinge in einen kleinen Park in Kreuzberg. Dieser öffentliche Platz ist für sie wichtig, damit ihr Protest sichtbar bleibt. Aber in den Zelten im Morast hielten es nur die wenigsten aus. Der Großteil besetzte eine leer stehende Schule, der Grüne Bezirksbürgermeister Franz Schulz lässt sie bis Ende März gewähren: „Es ist unser Beitrag für mehr Humanität im kalten Winter.“

Patras (33) sieht heute in der Schule nach dem Rechten. Im ersten Stock fehlen Glühbirnen, auch ein Waschbecken muss repariert werden. 2010 ist er aus Uganda nach Deutschland gekommen, und ihn freut die Solidarität, die dem Camp und seinen Bewohnern entgegenschlägt. Auf großen Plakaten steht, was in der Schule und im Park fehlt: Shampoo, Toiletten-Papier, Lebensmittel. „Irgendwer aus Kreuzberg bringt immer etwas vorbei“, sagt Patras.

„Bis wir hier Erfolg haben, vorher gehe ich nicht weg“

Gekocht wird gemeinsam, auch bemüht man sich, den Kindern, die in der vergleichsweise wärmeren Schule leben, Abwechslung zu bieten, sie werden zum Spielplatz begleitet. Patras, der zuvor in Passau untergebracht war, hat keine Ahnung, wie lange er noch bleiben wird. Nur eines steht für ihn fest: „Bis wir hier Erfolg haben, bis wir gehört werden, vorher gehe ich nicht weg. Wir sind Menschen, und wir wollen als solche behandelt werden.“

http://derstandard.at/1358305616683/Ein-Aufschrei-fuer-mehr-Menschlichkeit

Neben Berlin und Wien – wo seit vergangenen Freitag die rund 40 in der Votivkirche lagernden Flüchtlinge wieder hungerstreiken – finden Proteste derzeit etwa auch in Amsterdam und im französischen Lille statt. In Amsterdam halten sich nach der Räumung ihres Camps rund 80 Flüchtlinge seit Anfang Dezember in der Vluchtkerk, einer leer stehenden katholischen Kirche, auf. In Lille beendeten 37 „Papierlose“ am 13. Jänner nach 73 Tagen ihren Hungerstreik. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 5.2.2013)

„Viele Flüchtlinge sind von daheim hoch politisiert“

INTERVIEW | IRENE BRICKNER, 4. Februar 2013, 18:35
  • Sozialwissenschafterin Helen Schwenken.
    foto: privat

    Sozialwissenschafterin Helen Schwenken.

  • Asylwerberprotest 2002 im nordfranzösischen Sangatte.
    foto: reuters/pascal rossignol

    Asylwerberprotest 2002 im nordfranzösischen Sangatte.

Laut der Sozialwissenschafterin Helen Schwenken wurden die aktuellen Flüchtlingsproteste durch Isolation und Nichtintegration ausgelöst. Instrumentalisiert seien die Asylwerber nicht

STANDARD: Flüchtlingsproteste wie in Wien gibt es derzeit auch in Berlin, Amsterdam, Lille, Budapest. Wie erklären Sie, dass an verschiedenen Orten Ähnliches geschieht?

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Schwenken: Das hat viel damit zu tun, dass die Situation in vielen Erstaufnahmezentren unerträglich ist. Doch in der Massivität kamen die Proteste jetzt überraschend. Zuletzt gab es ums Jahr 2000 eine vergleichbare Welle, mit den französischen Sans Papiers (Migranten ohne oder mit unzureichenden Papieren, Anm.) und transnational koordinierte Antiabschiebungsproteste.

STANDARD: Welche Rolle spielten und spielen da linke, autonome Unterstützer? In Österreich heißt es, diese würden die Flüchtlinge instrumentalisieren.

Schwenken: Die Instrumentalisierungsdiskussion gibt es auch in Berlin. Das ist in sozialen Bewegungen nichts Neues, durch deren Geschichte zieht sich die Behauptung, Radikale würden den Protest vereinnahmen – und dann folgt der Verweis auf die vermeintlich authentisch Betroffenen. Bei den Flüchtlingen heißt es jetzt, diese würden nur gegen ihre schlechten Lebensbedingungen protestieren, die umfassenderen Forderungen, etwa Bewegungsfreiheit in Europa, seien gar nicht die ihren.

STANDARD: Sind es die ihren?

Schwenken: Sicher. Das sind Menschen, die sich übergreifend Gedanken machen und Verbindung zur hiesigen Opposition suchen. Viele Flüchtlinge sind von daheim hoch politisiert .

STANDARD: Sie sagten, die jetzigen Proteste kamen überraschend: Was vermuten Sie als Auslöser?

Schwenken: Bemerkenswert ist, dass die Bewegungen in Deutschland in jenen Bundesländern begannen, wo Asylbewerber keine Geld-, sondern Sachleistungen beziehen – etwa in Bayern.

STANDARD: Weil sich Flüchtlinge von Sachleistungen abhängiger fühlen?

Schwenken: Ich denke schon. Und dann kommt oft noch Isolation in – was Deutschland betrifft – Sammelunterkünften dazu, die meist am Rande von Städten, manchmal mitten im Wald, liegen. So sind Asylbewerber für die einheimische Bevölkerung unsichtbar, haben keine Chance auf Integration. Ich sehe das in Deutschland als staatliche Strategie.

STANDARD: In Österreich werden viele Asylwerber in abgelegenen Gasthöfen grundversorgt. Ist das vergleichbar?

Schwenken: Die Isolation ist wohl ähnlich, denn die Communities, in denen Flüchtlinge andocken könnten, sind in den Städten.

STANDARD: Sollten demnach alle Asylwerber in Städten leben?

Schwenken: Ja, und sie sollten im Familienverband oder aber in kleinen Gruppen in ganz normalen Wohnungen leben – und zwar in gemischt in- und ausländischen Nachbarschaften. (Irene Brickner, DER STANDARD, 5.2.2013)

Helen Schwenken (40) forscht zu sozialen Bewegungen an der Uni Kassel. Dort hat sie eine Juniorprofessur für Politik der Arbeitsmigration inne.

http://derstandard.at/1358305617198/Helen-Schwenken-Viele-Fluechtlinge-sind-von-daheim-hoch-politisiert


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