Startseite » Demokratisierungsmarsch » „Für die Jugend wird nichts getan. Es gibt keine kulturellen Veranstaltungen, kein Geld für das Jugendhaus, keine Arbeit.“ „Wir können jetzt frei reden, das ist aber auch schon alles. Die soziale Situation hat sich verschlechtert, die Arbeitslosigkeit steigt, alles wird immer teurer, und wenn wir uns beschweren, behandeln sie uns wie Tiere.“ „Wir gehen nicht zurück, diese Zeiten sind vorbei, wir bewegen uns, wir gehen weiter, auch wenn uns der Wind entgegenschlägt, ich bin nicht gebrochen …“

„Für die Jugend wird nichts getan. Es gibt keine kulturellen Veranstaltungen, kein Geld für das Jugendhaus, keine Arbeit.“ „Wir können jetzt frei reden, das ist aber auch schon alles. Die soziale Situation hat sich verschlechtert, die Arbeitslosigkeit steigt, alles wird immer teurer, und wenn wir uns beschweren, behandeln sie uns wie Tiere.“ „Wir gehen nicht zurück, diese Zeiten sind vorbei, wir bewegen uns, wir gehen weiter, auch wenn uns der Wind entgegenschlägt, ich bin nicht gebrochen …“

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Jugend Tunesiens fühlt sich um ihre Revolution betrogen

REPORTAGE | 1. Februar 2013, 05:30
  • Bonjour tristesse. In der Region rund um die Kleinstadt Siliana liegt die Arbeitslosigkeit nach offiziellen Angaben bei über 25 Prozent.
 Unter anderem sind 4000 junge  Akademiker ohne Job. 
    foto: standard/wandler

    Bonjour tristesse. In der Region rund um die Kleinstadt Siliana liegt die Arbeitslosigkeit nach offiziellen Angaben bei über 25 Prozent. Unter anderem sind 4000 junge Akademiker ohne Job.


Zwei Jahre nach Ben Alis Sturz sind die Hoffnungen vor allem in den ländlichen Regionen verflogen, der Ärger über die neuen Machthaber wächst

„Willkommen im Café der Revolution“, grüßt Tarek Zakraoui. Wenn der 41-jährige Inhaber der Cafeteria Hollywood von Revolution spricht, meint er nicht den 14. Jänner 2011, als die Tunesier Präsident Zine El Abidine Ben Ali verjagten. Er redet von Ende November, Anfang Dezember 2012. „Wir haben den Gouverneur zum Rücktritt gezwungen“, berichtet er und blickt zur anderen Seite des Platzes. Dort, hinter Stacheldrahtrollen, liegt der Palast des Vertreters der Zentralregierung in der Kleinstadt Siliana im Landesinneren. Tagelang demonstrierten die Menschen auf der Kreuzung vor dem Café gegen die Untätigkeit der Verwaltung, „gegen Armut, Arbeitslosigkeit und für Würde“.

„Seit 2011 hat sich nichts geändert“, sagt Zakraoui. „Wir können jetzt frei reden, das ist aber auch schon alles. Die soziale Situation hat sich verschlechtert, die Arbeitslosigkeit steigt, alles wird immer teurer, und wenn wir uns beschweren, behandeln sie uns wie Tiere.“ Sie, das ist diePolizei. Am 28. November stürmte eine aus Tunis angereiste Sondereinheit den Platz und drang in das Café ein, schlug auf alles ein, was sich bewegte, verschoss Gasgranaten und Schrotmunition. „Meine Frau Hadia war so geschockt, dass sie zusammenbrach“, berichtet Zakraoui. Hadia, im vierten Monat schwanger, verlor ihr Kind.

Das Hollywood ist wie jeden Abend gut besucht. An den Tischen diskutieren junge Männer bei einem Glas Tee. Die Blicke schweifen ab, zum Großbildschirm an der Wand. Dort laufen ununterbrochen internationale Musikvideos. Die Gespräche drehen sich immer wieder um die Verletzungen, die die Männer vom Polizeieinsatz davongetragen haben. Viele zeigen kleine, kaum wahrnehmbare Punkte in der Haut. Darunter ist eine harte Stelle zu spüren. „Schrotkugeln“, erklären sie.

„So ist Tunesien. Nichts hat sich geändert“, sagt auch Saifdine Hassni. In seiner Familie hat die Rebellion Tradition. Vater Hassan saß wegen Protesten gegen Ben Ali in den 1990ern sechs Jahre im Gefängnis. Der Großvater war zuerst gegen die französische Kolonialmacht und dann gegen den ersten Präsidenten des freien Tunesien, Habib Bourguiba, aufseiten derer aktiv, die dem arabischen Nationalismus anhingen, der noch heute in Siliana weitverbreitet ist.

Hassni war selbstverständlich dabei, als Ende Dezember 2010 die Demonstrationen gegen Ben Ali auch auf Siliana übergriffen. Jetzt, wo das Übergangsparlament im Amt ist und die islamistische Ennahda zusammen mit zwei kleineren säkularen Parteien die Geschicke des Landes lenkt, fühlen sich die Menschen hier in Siliana erneut um ihre Revolution betrogen. „Für die Jugend wird nichts getan. Es gibt keine kulturellen Veranstaltungen, kein Geld für das Jugendhaus, keine Arbeit“, beschwert sich Hassni. Er ist seit dem Ende der Schulausbildung ohne Job. Bei über 25 Prozent liegt inzwischen offiziell die Arbeitslosigkeit in der Region Siliana mit ihren 230.000 Einwohnern. 4000 junge Akademiker sind darunter.

Die Verwaltungsbüros im Gouverneurssitz sind mittlerweile wieder geöffnet. Der Trakt mit dem Büro des Amtsinhabers allerdings liegt hinter einer verschlossenen Tür. Selbst engsten Mitarbeitern wird nur nach ausdauerndem Klopfen von einem Polizeioffizier von innen geöffnet. In den Ort traut sich der neue Gouverneur, ein Technokrat aus Tunis, nicht. Gesprühte Parolen wie „Fuck Ennahda“, der auch er angehört, oder „Dégage!“ (Verdufte!)- wie sie einst auch Ben Ali zuriefen – zeigen, dass er und seine Partei nicht willkommen sind.

„Wer eine Nacht länger geschlafen hat, hat einen Betrug mehr hinter sich“, zitiert Hamed Gantassi ein altes Sprichwort und schimpft gegen die politischen Eliten, die den Übergangsprozess unter sich ausmachen und die Jugend, die Ben Ali aus dem Land gejagt hat, dabei völlig übergehen.

Der 25-Jährige ist vieles: Kleinunternehmer, Musiker, Manager einer Rap-Band … Doch vor allem ist er eines: Romantiker. Er kam nur wenige Wochen nach der Revolution 2011 aus Paris, wo er aufgewachsen ist, nach Siliana. Gantassi ist hier geboren, ging aber im Alter von drei Jahren mit seinen Eltern nach Frankreich. „Mein Vater, mit dem ich nur bedingt ideologisch übereinstimme, ist ein führendes Ennahda-Mitglied und floh vor der politischen Verfolgung unter Ben Ali“, erklärt er, wie es die Familie in den Pariser Stadtteil Barbés verschlagen hatte.

Jetzt will Gantassi „etwas für die Heimat tun“. „Hier im Landesinneren gibt es gut ausgebildete junge Menschen, doch es fehlt an In frastruktur, um Investitionen anzuziehen und so Arbeitsplätze zu schaffen.“ Gantassi hat ein Callcenter aufgebaut. 20 junge Leute arbeiten für ihn. Der Kunde ist ein französisches Unternehmen, das französischen Hausbesitzern per Telefon Solardächer anbietet.

Natürlich war auch Gantassi auf den Demos, die Papas Parteifreund Ende 2012 aus Siliana jagten. Für eine kleine Gruppe von Rappern, die African Warriors, ist der junge Mann ein Idol. Gemeinsam haben sie den Traum, einmal ganz groß herauszukommen. Einen bescheidenen Erfolg hat die Combo bereits gelandet. Der am PC unter der Marke „Hollywood Studio“ aufgezeichnete und geschnittene Song Siliana City ist die heimliche Hymne der Kleinstadt. Der Videoclip zeigt Bilder von den Demonstrationen, den Polizeiübergriffen und den Verletzten. „Wir gehen nicht zurück, diese Zeiten sind vorbei, wir bewegen uns, wir gehen weiter, auch wenn uns der Wind entgegenschlägt, ich bin nicht gebrochen …“, rappen sie sich auf Englisch und Arabisch Mut zu. (Reiner Wandler aus Siliana /DER STANDARD, 1.2.2013)

Chronologie: Sturz, Umsturz und neuer Frust

Dezember 2010 Der Straßenhändler Mohamed Bouazizi zündet sich in der Kleinstadt Sidi Bouzid aus Protest gegen die Konfiskation seines Gemüsewagens durch die Polizei an. Sein Tod Anfang Jänner löst Proteste gegen die wirtschaftliche Misere im ganzen Land aus, der Arabische Frühling beginnt.

Jänner 2011 Nach blutigen Protesten flieht Präsident Ben Ali nach Saudi-Arabien.

Februar 2011 Auch Premierminister Mohamed Ghannouchi tritt nach weiteren Protesten zurück.

März 2011 Ein Technokratenkabinett ohne Verbindung zur früheren Regierung übernimmt die Regierungsgeschäfte. Ein Gericht ordnet die Auflösung der Partei des Ex-Präsidenten Ben Ali an.

Juni/Juli 2011 Ben Ali, seine Frau und sein Sohn werden wegen Korruption und Bereicherung in zwei Prozessen in Abwesenheit zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

August 2011 Demonstrationen gegen die angeblich laxe gerichtliche Verfolgung der Mitglieder des alten Regimes.

Oktober 2011 Die islamistische Ennahda-Partei gewinnt Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung, Hamadi Jebali wird Premier.

August 2012 Demonstrationen gegen eine „schleichende Islamisierung „des Landes.

Dezember 2012 Proteste gegen den Gouverneur der Provinz Siliana lösen im ganzen Land Demonstrationen und Streiks gegen wirtschaftlichen Stillstand aus.

http://derstandard.at/1358305291278/Jugend-Tunesiens-fuehlt-sich-um-ihre-Revolution-betrogen


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