Startseite » Afrika » Mali ist der grösste Baumwoll-Exporteur Afrikas. Aber lediglich drei Prozent der Naturfaser werden im Land selber verarbeitet. Die Zahl spricht Bände über die Trägheit einer Politikerkaste, die es versäumt hat, das Land zu modernisieren. Auch ausserhalb des Baumwollsektors schlossen Betriebe, beispielsweise Mineralwasserfirmen und industrielle Mühlen. Die Deindustrialisierung geht Hand in Hand mit den politischen Krisen. Die Wirtschaftslage sei eine zu wenig beachtete Ursache dafür, dass Mali auf die Bedrohung der Sicherheit im Norden wie gelähmt reagiert habe, sagt ein westlicher Diplomat und fasst zusammen: «It’s the economy, stupid.» Aber es droht Ungemach. Der Weltmarktpreis für Rohbaumwolle brach seit Oktober 2011 von 3,4 Dollar pro Kilo um 40 Prozent auf 2 Dollar ein. Marktanalytiker machen eine Überproduktion der subventionierten amerikanischen Baumwollfarmer und die sinkende Nachfrage in Asien verantwortlich.

Mali ist der grösste Baumwoll-Exporteur Afrikas. Aber lediglich drei Prozent der Naturfaser werden im Land selber verarbeitet. Die Zahl spricht Bände über die Trägheit einer Politikerkaste, die es versäumt hat, das Land zu modernisieren. Auch ausserhalb des Baumwollsektors schlossen Betriebe, beispielsweise Mineralwasserfirmen und industrielle Mühlen. Die Deindustrialisierung geht Hand in Hand mit den politischen Krisen. Die Wirtschaftslage sei eine zu wenig beachtete Ursache dafür, dass Mali auf die Bedrohung der Sicherheit im Norden wie gelähmt reagiert habe, sagt ein westlicher Diplomat und fasst zusammen: «It’s the economy, stupid.» Aber es droht Ungemach. Der Weltmarktpreis für Rohbaumwolle brach seit Oktober 2011 von 3,4 Dollar pro Kilo um 40 Prozent auf 2 Dollar ein. Marktanalytiker machen eine Überproduktion der subventionierten amerikanischen Baumwollfarmer und die sinkende Nachfrage in Asien verantwortlich.

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Die politische Krise wurzelt in Armut und Misswirtschaft

International Dossier: Islamismus Heute, 05:50
Eine Textilarbeiterin von Fitina überwacht eine Spinnmaschine für Feingarn.
Eine Textilarbeiterin von Fitina überwacht eine Spinnmaschine für Feingarn. (Bild: Bild: Markus M. Haefliger)
Mali ist der grösste Baumwoll-Exporteur Afrikas. Aber lediglich drei Prozent der Naturfaser werden im Land selber verarbeitet. Die Zahl spricht Bände über die Trägheit einer Politikerkaste, die es versäumt hat, das Land zu modernisieren.
Markus M. Haefliger, Bamako

Genauso wie seine französischen Landsleute, die im Norden Malis Islamisten und Kriminelle durch die Wüste jagen, hätte Aimé Zinck einen Verdienstorden seines Gastlandes verdient. Der 52-jährige Elsässer, der mit ausladenden Schritten und vorgestreckter Hand auf Besucher zugeht, beweist im Alleingang, dass Mali seine Baumwolle zu hochwertigem Garn verarbeiten und exportieren kann. Zinck leitet das Textilunternehmen Fitina SA, das 25 Kilometer südlich der Hauptstadt Bamako eine moderne Fabrik mit 180 Mitarbeitern betreibt.

Nahe am Konkurs

Wer in Mali als Fabrikdirektor reüssieren will, braucht einen langen Atem. Politische Krisen machten der Firma Fitina seit deren Gründung im Jahr 2004 zu schaffen. Zunächst war es die Krise von Côte d’Ivoire. Das gesamte fixe Kapital musste importiert werden, von den Textilmaschinen von Rieter aus Winterthur bis zu den Büromöbeln. Doch dann blieb das Material monatelang im Hafen der ivoirischen Hafenmetropole Abidjan stecken. Von 2004 bis 2007 produzierte die Firma nur gerade während acht Monaten. Letztes Jahr folgte die malische Krise. Als nach dem Militärputsch im März die Grenzen zugingen, kündigten marokkanische Textilfirmen, die Fitina 70 Prozent der Garnproduktion abgenommen hatten, ihre Kundenverträge. Dazu kommen der teure und knappe Strom und hohe Transportkosten. «Einen Container nach Marokko zu bringen, kostet mich 4000 Euro», sagt Zinck, «drei Viertel davon macht allein der Strassentransport nach Dakar aus.» In Senegal, in Dakar, wird das Garn nach Casablanca verschifft.

Die Herausforderungen – dazu kommen noch mühsame oder unlautere Forderungen von Behörden – wirken auf Investoren abschreckend. Mehrere spanische und türkische Unternehmer gaben auf, obwohl ihnen Bamako im Zuge einer Privatisierungswelle Erleichterungen versprochen hatte. Fitina selber musste ein Konkursverfahren abwehren. Aber die französischen Geldgeber, unter ihnen ein Mülhauser Textilunternehmen, hielten Mali die Stange. Seit 2004 investierten sie 12 Millionen Euro. In der 10 000 Quadratmeter grossen Fabrikhalle werden derzeit neue Rieter-Maschinen montiert. Zinck will die Produktion von 800 Tonnen 2012 auf 3000 Tonnen im laufenden und 4300 Tonnen im nächsten Jahr steigern. «Ich verlasse diesen Posten erst, wenn ich meinem Nachfolger ein gesundes Unternehmen übergeben kann», sagt er.

«It’s the economy, stupid»

Die Privatisierung war vor neun Jahren mit Plänen der Regierung einhergegangen, die Wertschöpfung des Textilsektors zu verbessern. Laut der Compagnie malienne pour le développement des textiles (CMDT), einem staatlichen Regiebetrieb, produzierte Mali 2012 450 000 Tonnen Rohbaumwolle, mehr als jedes andere afrikanische Land. Aber fast aller Rohstoff wird exportiert, der grösste Teil nach China. Laut den Vorhaben sollten bis 2008 rund 10 Prozent der malischen Baumwolle im Land selber verarbeitet werden. Aber der entsprechende Anteil liegt noch immer bei 3 Prozent. Statt dass Fabriken den Betrieb aufnehmen, werden Projekte beerdigt – so für die Verarbeitung von Speiseöl aus Baumwollsamen und die Herstellung von Papiertaschentüchern.

Auch ausserhalb des Baumwollsektors schlossen Betriebe, beispielsweise Mineralwasserfirmen und industrielle Mühlen. Die Deindustrialisierung geht Hand in Hand mit den politischen Krisen. Die Wirtschaftslage sei eine zu wenig beachtete Ursache dafür, dass Mali auf die Bedrohung der Sicherheit im Norden wie gelähmt reagiert habe, sagt ein westlicher Diplomat und fasst zusammen: «It’s the economy, stupid.» Ein Opfer staatlichen Schlendrians wurde auch das Office du Niger, ein Bewässerungswerk der Kolonialzeit im Binnendelta des Niger zwischen Djenne und Timbuktu. Viele kleinere Kanäle sind zugewachsen. Laut Entwicklungsexperten werden von einer Million Hektaren an kulturfähigem Land nur 110 000 Hektaren bebaut.

Subventionierte Produzenten

Aber Bamako macht nicht alles falsch. Bei der Produktion von Rohbaumwolle trugen die Reformen Früchte. Die Regierung machte Budgetmittel zur Subventionierung der Produzenten frei, grösstenteils Kleinbauern, die auf Feldern von 1 bis 2 Hektaren Baumwolle aussäen. Mit über 170 000 Bauern, die meist 10 Personen ernähren, wirkt der Sektor als Multiplikator. Den Angelpunkt bildet die CMDT, die mit den Produzenten den jährlichen Preis aushandelt und Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmittel verbilligt vorschiesst. Ökonomen halten dies für eine ineffiziente Form der Armutsbekämpfung, aber Pläne zur Privatisierung der CMDT erwiesen sich als unrealisierbar und wurden schubladisiert.

Glückliche Baumwollbauern

Die Bauern des Weilers Kobakoro, 120 Kilometer westlich von Bamako, sind über das vorläufige Ende der Privatisierungsdiskussion glücklich. Sie sehen die staatliche Monopolgesellschaft als Garanten für wachsenden Wohlstand. Zurzeit pflücken sie die letzten Baumwollfelder und bringen die Ernte zum Sitz der örtlichen Kooperative, wo die weissen Büschel in Gebinde gestampft und gewogen werden. Drissa Nomoko, der Bürgermeister des Landkreises, zu dem Kobakoro und seine 33 Familien gehören, schätzt, dass die CMDT dieses Jahr für den Aufkauf der Ernte 7 Millionen CFA-Francs (13 000 Franken) über das Dorf ausschütten wird, durchschnittlich 400 Franken pro Familie.

«Was das bedeutet, verstehst du, wenn du dich hier umschaust», sagt der Maire, der gleichzeitig als Agent der CMDT in seinem Landkreis amtet. Wo es vor zehn Jahren nur Lehmhütten gegeben habe, stünden jetzt verputzte Häuser mit Wellblechdächern. Auch eine eigene Schule und den Lohn für den Lehrer kann sich Kobakoro leisten. Grössere Dörfer der Gegend wurden elektrifiziert und bauten Grundwasserbrunnen und verfügen über eine Bar, an der kühles Bier ausgeschenkt wird. Das Wichtigste sei nicht das Geld an sich, sagt Nomoko, sondern es seien die Vorschüsse. Keine Bank gebe Kleinbauern Kredite für Produktionsmittel wie Dünger. «Nur die CMDT tut das. Deshalb erzielen Baumwollbauern bessere Erträge für Mais, Hirse und Bohnen als andere Bauern.» Es gehe um Nahrungsmittelsicherheit, sagt Nomoko. Nützlich ist diesbezüglich, dass die Baumwollpflanze Stickstoff im Boden bindet und für den Fruchtwechsel mit Getreidepflanzen geeignet ist.

Mit einer Anbaufläche von 5,5 Hektaren ist Kali Coulibaly einer der grösseren Produzenten in Kobakoro. Seit er vor 15 Jahren klein anfing, konnte sich der Bauer mit dem Erlös aus der Baumwolle zwei Pflüge, Ochsen, eine Sämaschine, einen Ochsenwagen und ein Moped kaufen. Seit zwei Erntesaisons zahlt die CMDT 255 CFA-Francs (50 Rappen) pro Kilo Rohbaumwolle. «Ein guter Preis», sagt Coulibaly. Wie andere Bauern weitete er die Anbaufläche aus. Höhere Weltmarktpreise hatten die neue Anreizpolitik der CMDT, mit einer Preiserhöhung vor zwei Jahren um 40 Prozent, ermöglicht. Landesweit haben sich Anbau und Produktion in Mali seit 2008 mehr als verdoppelt.

Klaffende Finanzierungslücke

Aber es droht Ungemach. Der Weltmarktpreis für Rohbaumwolle brach seit Oktober 2011 von 3,4 Dollar pro Kilo um 40 Prozent auf 2 Dollar ein. Marktanalytiker machen eine Überproduktion der subventionierten amerikanischen Baumwollfarmer und die sinkende Nachfrage in Asien verantwortlich. Der tiefere Weltmarktpreis wird die CMDT spätestens in der nächsten Ernteperiode in Verlegenheit bringen. Die Finanzierungslücke tut sich im dümmsten Moment auf. Als Folge der politischen Krisen im Land musste das Haushaltsbudget von umgerechnet 3 Milliarden Franken auf 2 Milliarden für das laufende Jahr zusammengestrichen werden. Der Betrag entspricht übrigens etwa der Staatsrechnung des Kantons Thurgau.

 

Französische Truppen nehmen Gao ein und marschieren auf Timbuktu

mhf. Mopti ⋅ Am Wochenende haben französische und malische Truppen an zwei Fronten rasche Vorstösse gegen bisherige Hochburgen der Islamisten im Norden Malis unternommen. Zunächst eroberten sie am östlichen Abschnitt der Front die Stadt Gao, das mit 50 000 Einwohnern (zu Normalzeiten) bevölkerungsreichste Zentrum des Nordens. Am Sonntag stiessen andere Einheiten im Westabschnitt von Diabaly nördlich von Ségou Richtung Osten gegen Timbuktu vor. Die Besetzung der alten Gelehrtenstadt durch die Gruppe Ansar ad-Din hatte die malische Krise ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gerückt, nachdem die Extremisten mehrere heilige Schreine zerstört hatten. Laut einem malischen Armeesprecher war am Sonntag ein Vorausdetachement bereits am Stadtrand von Timbuktu angelangt. Man wolle verhindern, dass es wie am Vortag in Gao zu vereinzelten Plündereien komme.

In der zentral gelegenen Stadt Mopti erzählten Fischer und Händler am Sonntag, Bewohner aus Timbuktu seien am Wochenende mit Pirogen den Niger heraufgefahren und in Mopti angelangt. Laut ihren Berichten seien die meisten Islamisten aus der Stadt geflohen.

Die Einnahme Gaos war am Samstag handstreichartig erfolgt. Französische Spezialtruppen nahmen den Flugplatz ein und sicherten eine Brücke. Anschliessend wurden tschadische und nigrische Soldaten von Niger aus eingeflogen. Sie sind die ersten Einheiten der von der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas gebildeten Einsatztruppe, die in das Kampfgeschehen eingegriffen haben.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/die-politische-krise-wurzelt-in-armut-und-misswirtschaft-1.17965207


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