Startseite » Marsch für Frieden » Die Angst vor einem Übergreifen der Kriegshandlungen und vor einem Flüchtlingsschicksal ist unter den Einheimischen weit verbreitet. Sie hat einen mentalen Rückzug auf die eigene Gruppe bewirkt. Der «Andere» ist zu einer Projektionsfläche geworden. Der sunnitische Nachbar, mit dem man früher zwar häufig auf Distanz, doch mehr oder weniger spannungsfrei zusammengelebt hat, wird zum islamischen Extremisten. In der nahen Kirche treffen wir auf Pater Elias, einen Verfechter des interreligiösen Dialogs. Soeben ist er von einem Besuch bei den sunnitischen Scheichs der Region zurückgekommen. In der Gegend ist der Bau einer Moschee geplant, doch der Widerstand der vorwiegend christlichen Bevölkerung ist enorm. Es bestehe die Befürchtung, dass in der Moschee Waffen gelagert würden, sagt der Pater. Ein solcherart begründeter Widerstand wäre früher unvorstellbar gewesen, da ein Klima der Toleranz bestanden habe. Eine gewisse Zurückhaltung spüre er auch bei der Aufnahme von sunnitischen Flüchtlingen. Wohnungen in den Dörfern würden ausschliesslich an Christen aus Homs vermietet. George erzählt, wie vor einigen Tagen in der Nähe von Homs unverschleierte christliche Frauen bedroht und als Ungläubige bezeichnet worden seien. Viele Christen hätten Angst, Tausende seien nach Libanon geflüchtet. Doch etwas kann er beim besten Willen nicht verstehen. «Warum liefern ausgerechnet die zivilisierten Europäer den Terroristen Waffen, um uns Christen zu töten?»

Die Angst vor einem Übergreifen der Kriegshandlungen und vor einem Flüchtlingsschicksal ist unter den Einheimischen weit verbreitet. Sie hat einen mentalen Rückzug auf die eigene Gruppe bewirkt. Der «Andere» ist zu einer Projektionsfläche geworden. Der sunnitische Nachbar, mit dem man früher zwar häufig auf Distanz, doch mehr oder weniger spannungsfrei zusammengelebt hat, wird zum islamischen Extremisten. In der nahen Kirche treffen wir auf Pater Elias, einen Verfechter des interreligiösen Dialogs. Soeben ist er von einem Besuch bei den sunnitischen Scheichs der Region zurückgekommen. In der Gegend ist der Bau einer Moschee geplant, doch der Widerstand der vorwiegend christlichen Bevölkerung ist enorm. Es bestehe die Befürchtung, dass in der Moschee Waffen gelagert würden, sagt der Pater. Ein solcherart begründeter Widerstand wäre früher unvorstellbar gewesen, da ein Klima der Toleranz bestanden habe. Eine gewisse Zurückhaltung spüre er auch bei der Aufnahme von sunnitischen Flüchtlingen. Wohnungen in den Dörfern würden ausschliesslich an Christen aus Homs vermietet. George erzählt, wie vor einigen Tagen in der Nähe von Homs unverschleierte christliche Frauen bedroht und als Ungläubige bezeichnet worden seien. Viele Christen hätten Angst, Tausende seien nach Libanon geflüchtet. Doch etwas kann er beim besten Willen nicht verstehen. «Warum liefern ausgerechnet die zivilisierten Europäer den Terroristen Waffen, um uns Christen zu töten?»

Neueste Beiträge

Krieg in Syrien

Scheinbare Normalität in der Hafenstadt Tartus

International Gestern, 11:30
Angst vor einer Machtübernahme der Islamisten in Syriens zweitgrösster Hafenstadt.
Angst vor einer Machtübernahme der Islamisten in Syriens zweitgrösster Hafenstadt. (Bild: nopira / wikipedia)
In der syrischen Hafenstadt Tartus ist die Angst vor einer Machtübernahme der Islamisten allgegenwärtig. Ein Augenschein in einer scheinbar friedlichen Oase im Bürgerkriegsland.
Elena Wetli, Tartus

Auf der einstündigen Fahrt von Homs nach Tartus ist es, als würde man eine unsichtbare Grenze passieren. Das Klima wird wärmer, das Meer ist in Sicht, Bauern ernten Zitrusfrüchte, in den Dörfern sitzen die Männer an der Sonne, Wasserpfeife rauchend und Tee trinkend. Eine überraschende Normalität herrscht auch in Tartus, der zweitgrössten Hafenstadt Syriens. Die Strassencafés sind gut besucht, Geschäfte und Schulen sind geöffnet. Auch die Universität funktioniert normal, und im staatlichen Kino werden arabische Kurzfilme gezeigt. Tartus erinnert an das Syrien vor dem Ausbruch der Unruhen. Überall hängen Plakate mit Asads Konterfei und Parolen wie «Wir lieben dich, du Grosser», «Ja, Ja, Ja zu Asad, unserem Führer» oder «Wir sind alle Syrer». Die vorwiegend von Alawiten bewohnte Stadt ist fest in Asads Händen.

Wut auf «die Ausländer»

Dass im Land Krieg herrscht, zeigt sich erst auf den zweiten Blick. In den Strassen hört man die Dialekte von Aleppo, Homs, Idlib und Deir az-Zur. Tausende von Flüchtlingen aus ganz Syrien haben hier Schutz gefunden, doch nicht alle sind auch willkommen. In einem Kaffeehaus an der Corniche treffen wir auf Nabil, einen Alawiten, Besitzer von mehreren Hotels. Nach zwei katastrophalen Saisons seien die Ferienwohnungen wieder ausgebucht, erzählt er. Halb Aleppo sei an die Küste geflüchtet. Er nennt die Aleppiner «unsere Gäste» und bezeichnet sie als standhafte und ehrenwerte Leute. «Sie leisten den Terroristen Widerstand», sagt er und fügt mit gesenkter Stimme hinzu, «anders als die Bevölkerung von Homs.»

Im bergigen Hinterland von Tartus liegt Saabil, ein von Christen und Alawiten bewohntes Dorf. Am Dorfeingang hängt ein Transparent mit dem Bild eines «heldenhaften Märtyrers des Vaterlandes». Wir kommen mit Niklas, einem pensionierten Staatsangestellten, ins Gespräch. Jedes Dorf habe mittlerweile seine Märtyrer zu beklagen, erzählt er. Erst gestern sei hier ein junger Soldat beerdigt worden, der in Aleppo gefallen sei. Seine Wut auf die Bewaffneten, vor allem auf die «Ausländer» (gemeint sind die Jihadisten), ist gross: «Sie haben unser Land kaputtgemacht, dabei war Syrien eines der schönsten und friedlichsten Länder der Welt.» Aber Gott sei Dank sei es im Dorf bis jetzt ruhig geblieben. Niklas ist überzeugt, dass die Rebellen in der Region keine Chance haben, denn hier seien die Menschen weltoffen und tolerant. Ein islamisches Regime würden sie niemals akzeptieren.

George, ein Besitzer von Olivenhainen, mischt sich ins Gespräch. Auch er beschwört die Gefahr des islamischen Extremismus. «Asad ist der einzige Garant für die Rechte der Minderheiten. Wir Christen geniessen unter der jetzigen Regierung alle Freiheiten.» Stolz erwähnt er die beiden Kirchen im Dorf. Stolz ist er auch auf den Umstand, dass die staatlichen Schulen am Sonntag geschlossen sind, um den Kindern den Messebesuch zu ermöglichen. George erzählt, wie vor einigen Tagen in der Nähe von Homs unverschleierte christliche Frauen bedroht und als Ungläubige bezeichnet worden seien. Viele Christen hätten Angst, Tausende seien nach Libanon geflüchtet. Er aber denke nicht daran, das Land zu verlassen. «Gott hat uns Christen aufgetragen, den Nahen Osten wie eine Kerze zu erhellen, ein Vorbild zu sein für Frieden und für Zivilisation.» Doch etwas kann er beim besten Willen nicht verstehen. «Warum liefern ausgerechnet die zivilisierten Europäer den Terroristen Waffen, um uns Christen zu töten?»

Wachsendes Misstrauen

In der nahen Kirche treffen wir auf Pater Elias, einen Verfechter des interreligiösen Dialogs. Soeben ist er von einem Besuch bei den sunnitischen Scheichs der Region zurückgekommen. In der Gegend ist der Bau einer Moschee geplant, doch der Widerstand der vorwiegend christlichen Bevölkerung ist enorm. Es bestehe die Befürchtung, dass in der Moschee Waffen gelagert würden, sagt der Pater. Ein solcherart begründeter Widerstand wäre früher unvorstellbar gewesen, da ein Klima der Toleranz bestanden habe. Eine gewisse Zurückhaltung spüre er auch bei der Aufnahme von sunnitischen Flüchtlingen. Wohnungen in den Dörfern würden ausschliesslich an Christen aus Homs vermietet. Es herrscht grosses Misstrauen den Sunniten gegenüber. Die Leute dächten, es seien alles Bewaffnete, welche die Gegend infiltrierten, um Christen anzugreifen. «Dabei sind wir doch alle Syrer.» Pater Elias ist zuständig für rund 300 Flüchtlingsfamilien, die unterhalb des Dorfes in Ferienwohnungen an der Küste leben. Die mehrheitlich sunnitischen Flüchtlinge leben abgeschieden von der einheimischen Bevölkerung. Es fehlt ihnen an allem, an Nahrungsmitteln, Kleidern und Decken. Das an der Küste gelegene Hotel «Zum Meeresblick» ist baufällig und platzt aus allen Nähten. Fünfzig Flüchtlingsfamilien wohnen hier, verteilt auf fünfzig Zimmer. Die meisten der Bewohner kommen aus den sunnitischen Quartieren von Homs und Aleppo. Leila lädt uns zum Kaffee ein. Lieber hätte sie in ihrem Haus in Homs empfangen, sagt sie zur Begrüssung und zeigt auf das heruntergekommene Hotelzimmer, das sie mit ihrem Mann und ihren vier Kindern bewohnt. «Doch jetzt sind wir Flüchtlinge.» Es fällt ihr schwer, dies auszusprechen. «Nie hätten wir gedacht, einen solchen Krieg erleben zu müssen», sagt sie. Vor acht Monaten seien sie hierher geflüchtet, noch immer höre sie die Bomben, vor allem nachts. Das Haus ist zerstört, aller Hausrat wurde geplündert. Leila verlässt das Hotel nur selten. Die gegenseitige Hilfe der Frauen im Hotel sei gross, man lebe wie eine grosse Familie. Die Kinder besuchen seit Ende der Sommerferien wieder die Schule, nachdem sie in Homs ein ganzes Schuljahr verloren haben. Doch in der Dorfschule würden ihre Kinder als «Terroristen» beschimpft.

Verbreitete Zurückhaltung

Die Flüchtlinge haben die Hotelhalle in einen Marktplatz umgewandelt, es gibt Stände mit Gemüse und Kleidern. Auch Spezialitäten aus Aleppo werden angeboten: Olivenseifen und Pistazien. Die vom Roten Halbmond gelieferten Nahrungsmittelpakete reichen nicht zum Überleben. Die Miete bezahlen die Vertriebenen von ihren Ersparnissen. Leilas Ehemann, der vor dem Krieg in Homs ein Restaurant besass, verkauft an der nahen Autobahnzufahrt Kaffee aus Thermoskrügen. Lobeshymnen auf Asad hört man keine. Die Leute sind zurückhaltend mit politischen Äusserungen. Eine Nachbarin Leilas meint: «Unter Hafez Asad haben die Leute einigermassen gut gelebt, erst unter seinem Sohn entstand die Kluft zwischen Arm und Reich. Gott straft ihn jetzt für seine Politik.» Leila fügt diplomatisch hinzu: «Der Präsident hat auch viel Gutes getan, Gott gebe ihm Gesundheit. Aber jetzt ist es Zeit für ihn zu gehen.»

Kriegsschiffe am Horizont

Am Ende unseres Besuches führt uns Leila auf die Terrasse des Hotels. Es ist ein klarer Tag, in der Ferne sieht man russische Kriegsschiffe. Tartus ist trotz der vermeintlichen Ruhe keine Insel, sondern befindet sich mitten im Welt- und Kriegsgeschehen. Die Angst vor einem Übergreifen der Kriegshandlungen und vor einem Flüchtlingsschicksal ist unter den Einheimischen weit verbreitet. Sie hat einen mentalen Rückzug auf die eigene Gruppe bewirkt. Der «Andere» ist zu einer Projektionsfläche geworden. Der sunnitische Nachbar, mit dem man früher zwar häufig auf Distanz, doch mehr oder weniger spannungsfrei zusammengelebt hat, wird zum islamischen Extremisten. Der Flüchtling aus Homs, der seine Existenz im Krieg verloren hat, wird zum feindlichen Terroristen. Wie eine leere Worthülse wirkt angesichts dieser Entwicklungen der viel geäusserte Satz «Wir sind alle Syrer». Den Spruch wieder mit Inhalt zu füllen, wird Jahre oder gar Jahrzehnte erfordern.

Alle Orts- und Personennamen wurden geändert.

Elena Wetli ist Ethnologin. Sie lebt seit drei Jahren in Syrien, wo sie in der humanitären Hilfe engagiert ist.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/scheinbare-normalitaet-in-der-hafenstadt-tartus-1.17962612


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: