Startseite » Afrika » Asien? Viel zu teuer! Auf der ewigen Suche nach dem billigsten Produktionsstandort haben die Textilkonzerne inzwischen westafrikanische Staaten wie Ghana für sich entdeckt. Die Löhne betragen ein Drittel von den in China gezahlten – und die Ware ist zehn Tage schneller in den Läden. China verliert seinen Wettbewerbsvorsprung als billiger Produktionsstandort. Die Hersteller von Handtaschen, T-Shirts und Basiskomponenten für elektronische Geräte ziehen um. Sie verlassen das Reich der Mitte und suchen sich günstigere Stützpunkte wie etwa Südostasien.

Asien? Viel zu teuer! Auf der ewigen Suche nach dem billigsten Produktionsstandort haben die Textilkonzerne inzwischen westafrikanische Staaten wie Ghana für sich entdeckt. Die Löhne betragen ein Drittel von den in China gezahlten – und die Ware ist zehn Tage schneller in den Läden. China verliert seinen Wettbewerbsvorsprung als billiger Produktionsstandort. Die Hersteller von Handtaschen, T-Shirts und Basiskomponenten für elektronische Geräte ziehen um. Sie verlassen das Reich der Mitte und suchen sich günstigere Stützpunkte wie etwa Südostasien.

Neueste Beiträge

Textilwirtschaft in Afrika: „Made in Ghana“ statt „Made in China“

Von Dre Hinshaw, Wall Street Journal Deutschland

Asien? Viel zu teuer! Auf der ewigen Suche nach dem billigsten Produktionsstandort haben die Textilkonzerne inzwischen westafrikanische Staaten wie Ghana für sich entdeckt. Die Löhne betragen ein Drittel von den in China gezahlten – und die Ware ist zehn Tage schneller in den Läden.

Zur Großansicht

AFP

 

Accra/Ghana – Als Isaac Osae 2011 seinen Job antrat, nähte er Sommerkleidung in tropischen Farben. Heute lernt der 24 Jahre alte Fabrikarbeiter Krankenhauskleidung anzufertigen.

 

Überall entlang Afrikas Atlantikküste schwenken Kleidungsproduzenten von traditioneller afrikanischer Kleidung auf OP-Kittel, Schürzen und Laborkittel um. Grund für den Wandel: Globale Unternehmen schätzen die billigen, Englisch sprechenden Arbeiter ebenso wie die Häfen, die per Schiff von der US-Ostküste zehn Tage schneller zu erreichen sind als die asiatischen Fabriken. 

„Zehn Tage machen einen großen Unterschied im Bekleidungsgeschäft“, sagt Clifford Schiffman, Direktor des weltweiten Einkaufs bei Itochu Prominents USA. Der Bekleidungsgroßhändler, eine Sparte der japanischen Firma Itochu, will in den kommenden drei Jahren bis zu 50 Millionen US-Dollar (ca. 38,4 Millionen Euro) in Anzughemden und Hosen aus Ghana investieren. Der größte Teil davon soll bei der US-Supermarktkette Wal-Mart verkauft werden. „Für mich ist Afrika die kommende Region für Kleidung“, sagt Schiffman.

Textilerkunder wie Schiffman fahren nach Westafrika, nachdem Staaten wieIndienMalaysiaThailand und China die Mindestlöhne erhöht haben. Die Löhne in China sind allein in den ersten zwei Monaten dieses Jahres um zehn Prozent gestiegen, was die Margen der Großhändler sinken lässt, so die Investmentbank Standard Chartered.

 

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.

Wal-Mart kaufte in diesem Jahr mehr als eine halbe Million OP-Kittel von Lucky 1888 Mills Liberty & Justice, einer nachhaltig wirtschaftenden Entwicklungsgesellschaft aus Ghana, die rund 350.000 Hosen pro Monat für den US-Markt herstellt. Im benachbarten Liberia stellt Liberty & Justice Stofftaschen für den Schokoladenhersteller Godiva Chocolatier her. 

Doch die Bekleidungsindustrie ist eine sprunghafte Branche, die schon zuvor immer wieder einmal über Afrika geschwappt ist – und dann ebenso schnell wieder verschwand. Sportbekleidungsfabriken schossen in Ostafrika im Jahr 2000 aus dem Boden und verdreifachten die Produktion innerhalb von fünf Jahren, nachdem der US-Kongress den African Growth and Opportunity Act verabschiedet hatte. Das Gesetz lässt demokratische Länder des Kontinents Kleidung zollfrei in die USA exportieren.

Selbst mit diesem Vorteil konnten die Nähereien in Ostafrika aber nicht mit den Massen an Bestellungen mithalten, die Chinas Fabriken erhielten. Das Gesetz läuft 2015 aus, und afrikanische Textilkonzerne sagen, dass sie die Produktion einstellen müssen, sollte es nicht verlängert werden.

„Asiatische Hersteller arbeiten sehr viel schneller“

Westafrika ist noch ein weißer Fleck auf der Weltkarte des Kleidungshandels. Jahrzehnte der Militärdiktatur in fast jedem westafrikanischen Land haben Investoren verschreckt. Die Wirtschaft Ghanas, eines Englisch sprechenden Landes, das 1957 von Großbritannien unabhängig wurde, stagnierte über 35 Jahre – eine Zeit, die durch Diktaturen geprägt war, unterbrochen von Versuchen der Demokratie. Nach Regierungsangaben produzierte Ghana 2005 nur noch die Hälfte der Kleidung, die es 1977 herstellte.

Heute jedoch ist das Land eine stabile Demokratie und eine der weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Das hat die Aussichten für Unternehmen wie Dignity Industries verbessert. Vergangenen Monat zeigte ein Zulieferer von Walmart.com Interesse bei Dignity zu bestellen – die Firma, bei der Isaac Osae nun an der Nähmaschine sitzt.

Zunächst allerdings muss seine Gruppe, die sich das Nähen selbst beigebracht hat, die Massenproduktion beherrschen. Eine philippinische Nähausbilderin, die von Dignity angestellt wurde, klopft auf den schlecht genähten Kragen eines Krankenhauskittels. „Das machst du noch mal“, weist sie Osae an. „Ich weiß bereits, wie man näht“, sagt Osae einem Besucher. „Nur die Nadeln müssten gerade sein.“

Das Interesse an afrikanischer Kleidung lässt nach

Asiatische und lateinamerikanische Kleiderhersteller arbeiten tendenziell schneller. „Sehr viel schneller“, sagt Sandra Garcia, eine honduranische Nähausbilderin bei Lucky 1888. Wenn die Fabriken in Ghana mit den weltweit größten Bekleidungsherstellern mithalten wollen, müssen sie einen Arztkittel in acht Minuten fertigstellen.

Ein Näher wie Osae verdient 100 Dollar im Monat. Das ist ein Drittel dessen, was Näherinnen in einigen Teilen Chinas erwarten, so die Weltbank. Doch Afrikas Bekleidungsindustrie wird durch Stromausfälle belastet, welche die Nähmaschinen immer wieder in Zwangspausen schicken.

Die Inhaberin von Dignity, Salma Salifu, eröffnete den Shop in den neunziger Jahren mit dem Ziel, Ghanas Top-Mode in die USA zu verkaufen. Auf dem Höhepunkt der Produktion lieferte Dignity jedes Jahr Hunderte farbenfrohe Kleidungsstücke aus, die von den Designern „afrozentrisch“ genannt wurden. Im Black History Month, der in den USA jedes Jahr im Februar gefeiert wird, erreichte ein Kleid einen Preis von bis zu 300 Dollar. Ex-US-Präsident Bill Clinton besuchte die Fabrik 2002.

Doch das Interesse an afrikanischer Kleidung scheint nachzulassen. Viele der Fabriken, die Clinton einst besuchte, sind heute geschlossen. Afrikanische Boutiquen in Philadelphia und Washington, die Insolvenz anmelden mussten, schulden Dignity laut Inhaberin Salifu insgesamt 36.000 Dollar.

Mit dem Nähen von Kitteln lässt sich mehr verdienen

 

ANZEIGE

Deshalb hat sie ihre Fabrik umgestellt. Im Oktober schickte Salifu den ersten Protopyen eines Arztkittels an einen Wal-Mart-Lieferanten. Sie hofft, die Kittel einen Dollar über den Kosten für Fabrik und Stoff verkaufen zu können – was unter dem Strich einem Nettogewinn von zwei Cent entsprechen würde. Fabrikbesitzer aus der Nachbarschaft kämpfen um dasselbe Geschäft. 

Seit vergangenem Jahr liefert Lucky 1888 vier Container mit Kitteln pro Monat an den Wal-Mart-Zulieferer aus. Die Kittel werden in einer einst stillgelegten Fabrik nahe dem Hafen von Accra hergestellt. Jonathan Simon, Geschäftsführer der amerikanisch-pakistanischen Firma, will die Produktion bis 2015 verdreifachen. Außerdem soll eine industrielle Webmaschine gekauft und Baumwolle aus dem nahen Burkina Faso mittels Lastwagen importiert werden. Er will 2.000 weitere Arbeiter in Fabriken beschäftigen.

In einer davon arbeitet die 25 Jahre alte Janet Azure an einer Nähmaschine. Vorher betrieb sie ihre eigene Werkstatt und stellte her, was in Ghana „Slit and Kaba“ genannt wird: traditionelle Kirchengewänder, die aus zwei Teilen bestehen. Inzwischen verdient sie zehn Dollar mehr pro Monat durch das Nähen von Krankenhauskitteln.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/kleidungshersteller-lassen-kostenguenstig-in-afrika-produzieren-a-871519.html

 

Afrika will das neue Textil-Zentrum werden

Von DRE HINSHAW

ACCRA, Ghana – Als Isaac Osae vergangenes Jahr seinen Job als Näher begann, nähte er Sommerkleidung in tropischen Farben. Heute lernt der 24-Jährige Fabrikarbeiter Krankenhauskleidung anzufertigen.

Drew F. Hinshaw/The Wall Street JournalArbeiterbeim Kleidungshersteller Lucky 1888 in Ghana. Die Näher stehen in Konkurrenz zu asiatischen Zulieferern.

Überall entlang Afrikas Atlantikküste schwenken Kleidungsproduzenten von traditioneller afrikanischer Kleidung auf OP-Kittel, Schürzen und Laborkittel um. Grund für den Wandel: Globale Unternehmen schätzen die billigen, englischsprechenden Arbeiter ebenso wie Häfen, die per Schiff von der US-Ostküste zehn Tage schneller zu erreichen sind als die asiatischen Fabriken.

„Zehn Tage machen einen großen Unterschied im Kleidungsgeschäft“, sagt Clifford Schiffman, Direktor des weltweiten Einkaufs bei Itochu 8001.TO +3,00% Prominents USA. Der Kleidungsgroßhändler, eine Sparte der japanischen Firma Itochu, will in den kommenden drei Jahren bis zu 50 Millionen US-Dollar (ca. 38,4 Millionen Euro) in Anzughemden und Hosen aus Ghana investieren. Der größte Teil davon soll bei der US-Supermarktkette Wal-MartWMT -1,13% verkauft werden. „Für mich ist Afrika die kommende Region für Kleidung“, sagt Schiffman.

[image]

Textilerkunder wie Schiffman fahren nach Westafrika, nachdem Staaten wie Indien, Malaysia, Thailand und China die Mindestlöhne erhöht haben. Die Löhne in China sind allein in den ersten zwei Monaten dieses Jahres um 10 Prozent gestiegen, was die Margen der Großhändler sinken lässt, so die Investmentbank Standard Chartered.

Wal-Mart kaufte in diesem Jahr mehr als eine halbe Millionen OP-Kittel von Lucky 1888 Mills Liberty & Justice, einer nachhaltig wirtschaftenden Entwicklungsgesellschaft aus Ghana, die rund 350.000 Hosen pro Monat für den US-Markt herstellt. Im benachbarten Liberia stellt Liberty & Justice Stofftaschen für den Schokoladenhersteller Godiva Chocolatier her.

Boom von kurzer Dauer um das Jahr 2000

Doch die Kleidungsindustrie ist eine sprunghafte Branche, die schon zuvor immer wieder einmal über Afrika geschwappt ist – und dann ebenso schnell wieder verschwand. Sportbekleidungs-Fabriken schossen in Ostafrika im Jahr 2000 aus dem Boden und verdreifachten die Produktion innerhalb von fünf Jahren, nachdem der US-Kongress den African Growth and Oppurtunity Act verabschiedet hatte. Das Gesetz lässt demokratische Länder des Kontinents Kleidung zollfrei in die USA exportieren.

Doch selbst mit diesem Vorteil konnten die Nähereien in Ostafrika nicht mit den Massen an Bestellungen mithalten, die Chinas Fabriken erhielten. Das Gesetz läuft 2015 aus und afrikanische Textilkonzerne sagen, dass sie die Produktion einstellen müssen, sollte es nicht verlängert werden.

Westafrika ist noch ein weißer Fleck auf der Weltkarte des Kleidungshandels. Jahrzehnte der Militärdiktatur in fast jedem westafrikanischen Land haben Investoren verschreckt. Die Wirtschaft Ghanas, eines englisch sprechenden Land, das 1957 von Großbritannien unabhängig wurde, stagnierte über 35 Jahre – einer Zeit, die durch Diktaturen geprägt war, unterbrochen von Versuchen der Demokratie. Nach Regierungsangaben produzierte Ghana 2005 nur noch die Hälfte der Kleidung, die es 1977 herstellte.

Ghana – stabile Demokratie, wachsende Wirtschaft

Heute jedoch ist das Land eine stabile Demokratie und eine der weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Das hat die Aussichten für Unternehmen wie Dignity Industries verbessert. Vergangenen Monat zeigte ein Zulieferer von Walmart.com Interesse bei Dignity zu bestellen – die Firma, bei der Isaac Osae nun an der Nähmaschine sitzt.

Zunächst allerdings muss seine Gruppe, die sich das Nähen selbst beigebracht hat, die Massenproduktion beherrschen. Eine philippinische Nähausbilderin, die von Dignity angestellt wurde, klopft auf den schlecht genähten Kragen eines Krankenhauskittels. „Das machst du noch Mal“, weist sie Osae an. „Ich weiß bereits, wie man näht“, sagt Osae einem Besucher. „Nur die Nadeln müssten gerade sein.“

Asiatische und lateinamerikanische Kleiderhersteller arbeiten tendenziell schneller. „Sehr viel schneller“, sagt Sandra Garcia, eine honduranische Nähausbilderin bei Lucky 1888. Wenn die Fabriken in Ghana mit den weltweit größten Kleidungsherstellern mithalten wollen, müssen sie einen Arztkittel in acht Minuten fertigstellen.

Ein Näher wie Osae verdient 100 Dollar im Monat. Das ist ein Drittel dessen, was Näherinnen in einigen Teilen Chinas erwarten, so die Weltbank. Doch Afrikas Kleidungsindustrie wird durch Stromausfälle belastet, welche die Nähmaschinen immer wieder in Zwangspausen schicken.

Die Inhaberin von Dignity, Salma Salifu, eröffnete den Shop in den 1990er Jahren mit dem Ziel, Ghanas Top-Mode in die USA zu verkaufen. Auf dem Höhepunkt der Produktion lieferte Dignity jedes Jahr Hunderte farbenfrohe Kleidungsstücke aus, die von den Designern „afrozentrisch“ genannt wurden. Im Black History Month, der in den USA jedes Jahr im Februar gefeiert wird, erreichte ein Kleid einen Preis von bis zu 300 Dollar. Ex-US-Präsident Bill Clinton besuchte die Fabrik 2002.

Weniger Interesse an afrikanischer Kleidung in den USA

Doch das Interesse an afrikanischer Kleidung scheint nachzulassen. Viele der Fabriken, die Clinton einst besuchte, sind heute geschlossen. Afrikanische Boutiquen in Philadelphia und Washington, die Insolvenz anmelden mussten, schulden Dignity laut Inhaberin Salifu insgesamt 36.000 Dollar.

Deshalb hat sie ihre Fabrik umgestellt. „Wir können hier sitzen und Einzelstücke verkaufen bis Black History Month ist“, sagt sie. Im Oktober schickte Salifu den ersten Protopyen eines Arztkittels an einen Walmart-Lieferanten. Sie hofft, die Kittel einen Dollar über ihren Kosten für Fabrik und Stoff verkaufen zu können – was unter dem Strich einem Nettogewinn von zwei Cent entsprechen würde. Fabrikbesitzer aus der Nachbarschaft kämpfen um dasselbe Geschäft.

Seit vergangenem Jahr liefert Lucky 1888 vier Container mit Kitteln pro Monat an den Walmart-Zulieferer aus. Die Kittel werden in einer einst stillgelegten Fabrik nahe dem Hafen von Accra hergestellt. Jonathan Simon, Geschäftsführer der amerikanisch-pakistanischen Firma, will die Produktion bis 2015 verdreifachen. Außerdem soll eine industrielle Webmaschine gekauft und Baumwolle aus dem nahen Burkina Faso mittels Lastwagen importiert werden. Er will 2.000 weitere Arbeiter in Fabriken beschäftigen.

In einer davon arbeitet die 25-jährige Janet Azure an einer Nähmaschine. Vorher betrieb sie ihre eigene Werkstatt und stellte her, was in Ghana „Slit and Kaba“ genannt wird: traditionelle Kirchengewänder, die aus zwei Teilen bestehen. Inzwischen verdient sie 10 Dollar mehr pro Monat durch das Nähen von Krankenhauskitteln.

http://www.wallstreetjournal.de/article/SB10001424127887323401904578156961525022282.html

China verliert das Rennen gegen die Billigkonkurrenz

Von THE WALL STREET JOURNAL

ReutersEin gewohntes Bild in China: Arbeiter einer Fabrik in der Provinz Anhui stellen Textilien für den Export nach Europa oder in die USA her.

PEKING – China verliert seinen Wettbewerbsvorsprung als billiger Produktionsstandort. Die Hersteller von Handtaschen, T-Shirts und Basiskomponenten für elektronische Geräte ziehen um. Sie verlassen das Reich der Mitte und suchen sich günstigere Stützpunkte wie etwa Südostasien.

Die Abwanderungsbewegung, die sich unter anderem in geschwächten Auslandsinvestitionen in China manifestiert, hat Vor- und Nachteile für eine Volkswirtschaft, die das globale Wachstum maßgeblich mitbestimmt. Die Regierung in Peking will eine Verlagerung auf die Fertigung höherwertiger Produkte und einen Anstieg der Einkommen bewirken. Wenn aber weniger Wert auf das verarbeitende Gewerbe gelegt wird, dann steigt der Druck auf die politische Führung, Arbeitsplätze in anderen Sektoren zu schaffen, damit die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt auf Touren bleibt.

Mehr zu China

Die ausländischen Direktinvestitionen, die 2012 in China getätigt wurden, sanken insgesamt um 3,7 Prozent auf 111,72 Milliarden Dollar, teilte das chinesische Handelsministerium am Mittwoch mit. Auf Jahressicht sind sie damit zum ersten Mal seit 2009 gefallen. Damals hatten sich die negativen Konsequenzen aus der globalen Finanzkrise bemerkbar gemacht, und die Auslandsinvestitionen in China waren um 13 Prozent eingebrochen. Denn um das Geschäftsklima in den USA und Europa war es zu der Zeit äußerst schlecht bestellt. Weltweit wurden Risiken gemieden, die Kapitalflüsse stockten.

Näher am Kunden

Nach Meinung von Volkswirten ist der Rückgang im Jahr 2012 zwar teilweise zyklischer Natur, ausgelöst von der Verlangsamung des allgemeinen Wachstums in China und der fortgesetzten Schuldenkrise in Europa. Aber er ist auch das Ergebnis eines langfristigen Trends steigender Löhne und anderer Kosten. Sie haben dazu geführt, dass China an Attraktivität verloren hat, vor allem was die Basisfertigung angeht.

Im Gegensatz dazu sind die ausländischen Direktinvestitionen in Thailand 2012 um rund 63 Prozent emporgeschnellt. Und in Indonesien wurde in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres ein Investitionszuwachs um 27 Prozent verzeichnet.

Die italienische Coronet zieht es zum Beispiel nach Vietnam. Der Hersteller von synthetischem Leder, der in der südchinesischen Provinz Guangdong fertigen lässt, will in Vietnam ein neues Werk errichten. Zum einen will Coronet dort von den niedrigeren Arbeitskosten profitieren. Und zum anderen wollen die Italiener näher an ihre Kunden im Schuh- und Handtaschengeschäft heranrücken, von denen viele bereits dorthin umgezogen sind. „Viele unserer Kunden verlegen bereits Teile ihres Geschäfts in fernöstliche Länder mit niedrigeren Arbeitskosten“, berichtet Coronet-Chef Jarno Tagliarini. „Von allen Ländern, die dabei in Frage kommen, halten wir Vietnam für das am weitesten entwickelte.“

Das Kapital aus dem Ausland hatte dazu beigetragen, China in eine tragende Säule der Billigproduktion und in einen globalen Wachstumsmotor zu verwandeln. Doch die chinesische Bevölkerung wird urbaner. Sie hegt mittlerweile höhere Erwartungen, was Löhne und Arbeitsbedingungen betrifft. Und ihre Proteste gegen die Umweltverschmutzung, die oft mit einer Produktion auf niedriger Stufe einhergeht, werden lauter – allesamt Forderungen, die die Kostenvorteile Chinas untergaben haben.

Lauwarme Prognose für 2013

Die chinesische Führung hat reagiert und einen Wandel eingeleitet. Die chinesische Wirtschaft soll von ihrer traditionellen Abhängigkeit von der Billigproduktion und intensiven Investitionsausgaben befreit werden. Nach dem Willen Pekings soll im Land selbst eine stärkere Konsumentenbasis aufgebaut werden. Ein genauer Blick auf die Zahlen des Handelsministeriums vom Mittwoch legt nahe, dass erste vorsichtige Schritte in diese Richtung bereits erfolgt sind: Die ausländischen Direktinvestitionen in das verarbeitende Gewerbe schrumpften 2012 um 6,2 Prozent. Dagegen erhöhten sich die Investitionen im Dienstleistungssektor unter Ausklammerung des Immobilienmarkts um 4,8 Prozent.

Associated PressTurnschuh-Produktion in der Provinz Fujian.

„Wir wissen, dass wir uns nicht mehr länger auf einen Wettbewerbsvorteil bei der Niedriglohnfertigung verlassen können. Wir müssen die Steigerung der Werthaltigkeit unserer Produkte beschleunigen“, sagte Shen Danyang, der Sprecher des Handelsministeriums. Dass Unternehmen verstärkt in anderen Ländern investieren, ist Shen durchaus bewusst, auch wenn er sich am Mittwoch auf einer Pressekonferenz bemühte, den Trend herunterzuspielen.

„Wir haben eine gewisse Wanderung der Unternehmen festgestellt, aber die hält sich in normalem Rahmen. Es ist nicht zutreffend zu sagen, dass es in großem Umfang zu einer Verlagerung der Fertigung in andere Länder gekommen ist.“ Allerdings fügte er hinzu: „Man kann nicht sagen, dass wir glücklich darüber wären, diese Entwicklung zu beobachten. Wir hoffen immer noch darauf, Auslandsinvestitionen anziehen zu können.“

Handelsminister Chen Deming hatte am Dienstag eine eher lauwarme Prognose für die zu erwartenden Investitionen für 2013 abgegeben. Sie werden sich mehr oder weniger auf Vorjahresniveau bewegen, hatte er vorhergesagt.

Große Chance für Chinas Nachbarn

Die chinesischen Daten zu Auslandsinvestitionen sind allerdings mit Vorsicht zu betrachten; wie zutreffend sie sind, ist ungewiss. Eine andere Datenreihe der chinesischen Zentralbank, die Gewinne mit berücksichtigt, die ausländische Firmen in China reinvestieren, weist für die ersten neun Monate 2012 einen Zuwachs aus, wie aus einer Analyse von Thilo Hanemann, dem Research-Leiter bei der Rhodium Group, hervorgeht. Die Zahlen, die nach Angaben von Hanemann möglicherweise noch umfassend revidiert werden, zeigten jedoch auch, dass das Investitionswachstum in den vergangenen beiden Jahren fast bei Null lag.

Da in China der Löwenanteil an Investitionen in der Zwischenzeit aus inländischen Quellen stammt, werden die Auswirkungen rückläufiger Auslandsinvestitionen auf das Wachstum zwar begrenzt bleiben. Dass jedoch das verarbeitende Gewerbe an Bedeutung verliert, unterstreicht die große Herausforderung für die chinesische Führung, neue Wachstumsquellen im inländischen Verbrauch und in einer höherwertigen Industrie zu erschließen.

Für die Nachbarn Chinas eröffnet der neue Trend größere Chancen. Nach der asiatischen Finanzkrise im Jahr 1997 hatten südostasiatische Länder zwei Prozent der weltweiten Auslandsinvestitionen auf sich vereinigen können. Auf sie entfällt mittlerweile ein Anteil von rund 7,6 Prozent, der sich dem Anteil Chinas von 8,1 Prozent stark angenähert hat, wie Berechnungen der HSBC HSBA.LN +0,77%zeigen.

Und es waren hauptsächlich asiatische Firmen, die für den Rückgang der Investitionen in China verantwortlich waren. Die Investitionen der zehn asiatischen Volkwirtschaften Hongkong, Taiwan, Macao, Japan, die Philippinen, Thailand, Malaysia, Singapur, Indonesien und Südkorea, die im vergangenen Jahr rund 82 Prozent des Gesamtengagements stellten, waren um 4,8 Prozent rückläufig. Größter Einzelanleger war Hongkong, worin sich auch die Tatsache wiederspiegelt, dass Geld von Investoren des chinesischen Festlands via Hongkong wieder nach China zurückfließt.

Japaner nehmen Vietnam ins Visier

Japan könnte eine tragende Rolle dabei zufallen, die Abkehr von China zu beschleunigen. Die japanischen Investitionen in China waren zwar binnen Jahresfrist um 16 Prozent geklettert. Aber die Beziehungen beider Länder haben sich im vergangenen Jahr wegen Territorialstreitigkeiten um eine Reihe umstrittener Inseln verschlechtert. Im September waren japanische Autohändler und andere Geschäfte in ganz China von anti-japanisch eingestellten Randalierern geplündert worden. Japanische Firmen könnten sich deshalb nach anderen Standorten umsehen.

Und viele japanische Unternehmer sind tatsächlich schon dabei, einen zweiten Produktionsstützpunkt auszuspähen, um sich gegen die Risiken ihres China-Engagements abzusichern. Auf ihrer Suche nach Alternativen zu China haben sie Vietnam als Standort ins Visier genommen. Während die Auslandsinvestitionen in Vietnam 2012 aufgrund makroökonomischer Probleme wie der hohen Inflation insgesamt um 15 Prozent sanken, haben sich die Investitionen aus Japan in dem Land mehr als verdoppelt. In Thailand und Vietnam hat kein anderes einzelnes Land im vergangenen Jahr so viel investiert wie Japan. In Indonesien lagen die Japaner auf Platz zwei hinter Singapur.

Seitdem sich die politischen Spannungen zwischen den beiden Ländern zugespitzt haben, seien bei dem privaten Japan-China Economic Relations and Trade Centre, das japanische Investitionen in China fördert, keine Anfragen mehr zu neuen Geschäftsvorhaben oder investitionsbezogenen Themen eingegangen, berichtet Minoru Ikeda vom Büro der Gruppe in Schanghai.

In einer Umfrage, die die regierungsnahe Japan External Trade Organization (Jetro) im Oktober unter japanischen Unternehmen vorgenommen hatte, gaben nur noch 52 Prozent der Befragten an, in den kommenden ein bis zwei Jahren ihre Geschäfte in China ausbauen zu wollen. Im Vorjahr hatten noch 67 Prozent der Befragten in China Expansionspläne gehegt.

Für den Rückgang gebe es mehrere Ursachen, sagt Yoichi Maie, bei Jetro Direktor der Abteilung für China und Nordasien. Der Hauptgrund liege nicht in der angespannten politischen Situation, sondern sei vielmehr in den steigenden Arbeitskosten zu suchen. Allerdings seien die Möglichkeiten für japanische Unternehmen begrenzt, sich von China zu entfernen, führt er weiter aus. „Für japanische Firmen ist China alternativlos. Kein anderes Land, mit Ausnahme Amerikas, bietet einen derart großen Markt und derart stark etablierte Produktionsnetzwerke.“

Auch Tech-Unternehmen ergreifen die Flucht

Und wenn die Firmen auch umziehen, so bedeutet das nicht, dass sie China gleich ganz aufgeben. Das Land bleibe eine ihrer drei Hauptanlaufstellen für Investitionen, hatten 58 Prozent der Firmen in einer Umfrage zu Protokoll gegeben, die unter rund 300 Mitgliedern der Amerikanischen Handelskammer in China veranstaltet wurde. Im Jahr 2011 hatten diese Frage nur 47 Prozent der Firmen bejaht. Oberste Investitionspriorität hat China allerdings nur noch für 20 Prozent der Befragten verglichen mit 31 Prozent im Jahr 2011.

Viele Unternehmen überlegen sich zudem, ob sie innerhalb des Landes umziehen und die Produktionsstandorte in den chinesischen Küstengebieten zugunsten der billigeren Regionen im Inland verlassen sollen. Eine Umfrage des Verbands der Hongkonger Industriebetreibe vom Mai ergab, dass rund zehn Prozent der Hongkonger Unternehmen, die im südchinesischen Perlflussdelta ansässig sind, aufgrund der steigenden Kosten nach Südostasien ausweichen wollen, während 13 Prozent eine Verlagerung in die innerchinesischen Provinzen in Erwägung ziehen.

Nach Schätzungen der HSBC-Volkswirtin Trinh Nguyen sind die Löhne im verarbeitenden Gewerbe Chinas zwischen 2005 und 2011 jährlich um etwa 20 Prozent gestiegen. Die Firmen hätten also einen starken Anreiz, sich für die arbeitsintensive Produktion nach anderen Standorten umzusehen. „Insgesamt wird in China immer noch kräftig Kapital fließen. Aber der Zuwachs wird sich verlangsamen. Die Auslandsinvestitionen werden sich stärker am Binnenmarkt orientieren und nicht mehr so sehr am Export“, sagt sie voraus.

Nicht alle Unternehmen, die aus China abwandern, kommen aus dem Billigsegment, dem etwa die Textilproduzenten angehören. Auch Technologie-Unternehmen ergreifen die Flucht. Die taiwanesische Wintek, die mit rund 50.000 Mitarbeitern weltweit Smartphone-Komponenten für internationale Firmen wie Apple AAPL -2,36%herstellt, hatte im Oktober angekündigt, 930 Millionen Dollar in den Bau von vier neuen Werken in Vietnam stecken zu wollen. Dort sollen Displays und Touchscreens gefertigt werden.

Das Unternehmen halte weiterhin daran fest, seine bestehenden Produktionsstätten in der südchinesischen Stadt Dongguan und in der Provinz Jiangsu, die zu den traditionellen chinesischen Produktionszentren gehören, ausbauen zu wollen, versichert ein Sprecher von Wintek und fügt hinzu: „Um die Auswirkungen steigender Arbeits- und Mietkosten abzumildern, produzieren wir in unseren Fabriken in Dongguan und Jiangsu verstärkt höherwertige Produkte.“

—Yajun Zhang und Tom Orlik in Peking, Mitsuru Obe in Tokio und Colum Murphy in SchanghaiKontakt zu den Autoren: redaktion@wallstreetjournal.de

http://www.wallstreetjournal.de/article/SB10001424127887323468604578247132607350020.html?mod=WSJDE_article_outbrain&obref=obinsite


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: